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Orca

Orca /
Nominiert für den deutschen Buchpreis 2026 I Shortlist

Autor*in: Franziska Gänsler

Deutsch
2026 - Kein & Aber

Hardcover

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Inhalt

Kurztext
Eindringlich und betörend erzählt Franziska Gänsler von der Freundschaft zweier junger Frauen, ihrer Loyalität und dem unbedingten Willen, dazuzugehören. Sie zeichnet die Träume einer ganzen Generation.

Textauszug

1

OLYMPIA


An dem Tag, an dem ich Olympia traf, lag ein sterbendes Kaninchen zwischen dem Supermarktparkplatz und dem leer stehenden Bürogebäude daneben, im Tal harter Grashalme, nah an der Fensterfront.

Alles stand seit Wochen still, unter einer Glasglocke aus Hitze und Pandemie, und ich hatte den Großteil des Lockdowns einem Plan der Anpassung gewidmet, dem Ziel, so auszusehen, als hätten meine Eltern plötzlich mehr Geld. Ich arbeitete an porenfreier Haut, weißen Zähnen und definierten Armen, einem Glow, der mit signifikantem Wohlstand kam. Ich dachte ständig an Svea Bleibinger und stellte mir vor, wie meine Transformation die Hierarchie an der Schule völlig neu aufstellen würde, sobald alles wieder losging.

Meine Wochen bestanden aus Routinen. Skincare, Haircare, Sport, Zahnaufhellungsstreifen, Maniküre, Pediküre. Ich hatte mir ein solides Wissen zu Bodyweighttraining, Proteinen, Vitaminen, Niacinamiden, Azelain, UVA- und UVB-Strahlung angeeignet, und über Reddit war ich auf etwas gestoßen, das meine Abende in Beschlag nahm: die Suche nach Mirror Replicas - makellos gefälschten Luxusartikeln. Ich chattete mit Menschen, die direkte Kontakte zu Fakefactories in Qingdao und Tianjin hatten und über das Rep-Forum als Trusted Seller gehandelt wurden. Ich fragte nach Preisen, Shippingkosten und PSPs, Pre Shipment Pictures. Ich wusste, welche Factories für welche Marken bekannt waren, ich konnte anhand von Fotos unterscheiden, ob die Naht einer Hermes Kelly per Hand oder mit einer Maschine gesetzt worden war, wusste, in welche Chanel-Modelle »Made in Italy« und in welche »Made in France« geprägt sein musste. (Es war saisonabhängig.) Das war Basisarbeit: Mir war klar, dass ich nicht mit einer gefälschten Birkin in der Schule auftauchen konnte, aber es gab Marken, die dort zum Standard gehörten, Tiffany, Burberry, Cartier und Louis Vuitton, und ich verbrachte täglich mehrere Stunden damit, die bestmöglichen Replikas der Teile, die die anderen im Original hatten, zu ermitteln. In meiner Notes-App führte ich eine Liste von Möglichkeiten, die mein angespartes Geld hergeben würde. Ich studierte Bilder, auf denen Taschen neben ihren Fälschungen lagen, las die Lob- und Kritikpunkte der Community. Ich lernte, auf Details zu achten: den Logoprint, der an der Naht exakt aufeinandertreffen, die Gravur der Metallösen, die tief genug und vor allem zentriert sein musste, die Position, Krümmung und Farbe der Lederbänder. Mit diesem Wissen kam ein Gefühl der Selbstermächtigung. Ich hatte einen Weg gefunden, mir zu erarbeiten, was die anderen von Eltern oder Großeltern zum Geburtstag oder Namenstag oder Zeugnis geschenkt bekamen, und was immer ich am Ende meiner Recherche kaufen würde, es fühlte sich an, als wären die Fakes den Originalen bereits dadurch überlegen, dass sie ein Geheimnis trugen. Sie waren das Ergebnis einer erfolgreichen Jagd.

Hinter dem Kaninchen konnte ich das verlassene Büro sehen. Endlos leere Tischreihen, so zusammengeschoben, dass man sich immer paarweise hätte anschauen können, am Bildschirm vorbei, ständiger Blickkontakt. Der Supermarktparkplatz spiegelte sich blau darüber, genau wie das Mäuerchen, auf dem ich saß und der Rücken des Kaninchens. Hinter mir warteten sonnenbehütete Köpfe darauf, dass andere den Laden verließen und sie an die Reihe kamen, ihn zu betreten. Alle auf Abstand, alle mit Masken und ihren selbst mitgebrachten Körben. Manche begrüßten sich, indem sie die Ellenbogen aneinanderstießen. An Gürtelschlaufen und Taschenriemen hingen kleine Desinfektionsspender. Viele hatten Angst, aber niemand hatte so viel Angst wie meine Eltern, die ihre Hamsterkäufe ausschließlich online erledigten und sich einen Überblick über die Preisklassen verschiedener CBRN-Schutzanzüge verschafft hatten, flüssigkeitsdichte Vollmonturen für chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrensituatione

Hauptbeschreibung

Die Fleischtheke des Supermarkts am Tag, Stille bei Nacht: So sieht Coras Leben aus. Bis ihre Kindheitsfreundin Olympia verhaftet wird und alles zurückkommt. Der Sommer, in dem sie sich wiedergetroffen haben, in dem alles gesummt hat in ihr, das Seewasser noch auf der Haut, der Glitzer auf der Cap, die verzierten Fingernägel. Die langen Tage im großen, leeren Haus mit Olympia, die Cora erkennt, wie sie ist. Und wie schnell sie Olympia nicht mehr nur für sich hat nach der illegalen Party, auf der sie zum ersten Mal eine Grenze überschreiten, nach der Olympia so viel Zeit mit Ariel und ihrer Aktivistengruppe verbringt. Während Cora versucht, in der Schule und zu Olympia den Anschluss zu halten, schlägt eine radikale Idee ihre Triebe aus - und Cora verstrickt sich in ein Lügengespinst, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

Eindringlich und betörend erzählt Franziska Gänsler von der Freundschaft zweier junger Frauen, ihrer Loyalität und dem unbedingten Willen, dazuzugehören. Sie zeichnet die Träume einer ganzen Generation.

Autor*in

Franziska Gänslers Debütroman Ewig Sommer erschien 2022. Er wurde in diverse Sprachen übersetzt, für das Theater adaptiert und mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 2025 war die englischsprachige Ausgabe ein New York Times Editor's Pick. 2024 erschien ihr Roman Wie Inseln im Licht. Mit ihrem dritten Roman Orca (2026) steht sie auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Franziska Gänsler lebt in Augsburg und Berlin.

Buchdetails

Titel: Orca
Untertitel:Nominiert für den deutschen Buchpreis 2026 I Shortlist
Autor*in:Franziska Gänsler
Verlag: Kein & Aber
Erscheinungsjahr:2026
Sprache:Deutsch
368 Seiten
190 mm x 125 mm
ISBN-13: 978-3-0369-5099-0

Produktsicherheit

Hersteller: Kein & Aber AG
Bäckerstrasse 52, 8004 Zürich CH
E-Mail: berlin@keinundaber.deHersteller: Kein & Aber Verlag
Bäckerstrasse 52, 8004 Zürich CHWürttembergallee 12, 14052 Berlin DE
E-Mail: berlin@keinundaber.de

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