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Im Detail

Metzina

Metzina /
Erzählung

Autor*in: Rebekka Salm

Deutsch
2026 - Knapp, Olten

Hardcover

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Inhalt

Textauszug

Ich reibe mir Speichel auf die klebrigen Krusten an meinen Fußgelenken, in der Hoffnung, das Entzündliche möge verschwinden. Speichel hilft bei der Wundheilung. Jedes Tier weiß das. Nicht umsonst leckt sich die Katz' die Blessuren, die sie vom nächtlichen Kampf davongetragen hat. Ich tue es ihr gleich und schimpfe mich: Hör auf damit, blöde Metze. Warum willst du, dass dein Fuß heil wird? Damit du wie ein junges Gitzi auf den Scheiterhaufen hüpfen kannst?
Ob sie ihn schon aufgeschichtet haben? Buche und Eiche sollen sich im Besonderen eignen, da sie gut und lange brennen. Nicht, dass ich erst halb durchgebraten bin, wenn das Holz zu Asche zerfällt. Und grün darf es nicht sein, das Holz. Sonst hat man viel Rauch und kaum Feuer. Das mögen die Gaffer nicht. Denn im Rauch sehen sie nicht, wie die Hex' verbrennt. Ein Jammer wäre das. Zu trocken darf es aber auch nicht sein, sonst ist der Spaß schnell vorbei. Die Leute kommen nicht, weil sie die Hexe tot sehen wollen.
Sie wollen sie sterben sehen.
Ich hoffe, es geht schnell, das Sterben. Das Verbrennen. Ich versuche es mir vorzustellen. Die brüllende Hitze. Das Fleisch, das Blasen wirft. Der Schmerz, der die Sinne raubt. Es gelingt mir nicht. Stattdessen schleicht sich eine Erinnerung ein. Damals in der Klus, als ich noch Kind war. Im Stall des Heutschi Johann war ein Feuer ausgebrochen. Die Öllampe, das Stroh. Die Nachbarn rannten mit Holzeimern herbei. Das Feuer antwortete auf das Brunnwasser mit höhnischem Zischen, wuchs zum Trotz und wurde wilder. Wie ein wütender Keiler, den der Pfeil des Jägers streifte, anstatt traf. Das Feuer brüllte. Die Helfer brüllten. Die eingeschlossenen Sauen quiekten panisch. Ich kann es noch immer hören, wenn ich die Augen schließe. Ich will nicht quieken, wenn ich brenne. Ich will nicht sterben wie ein Schwein. Ich will nicht, dass die Gaffer sagen können: Hör, wie die schreit! So klingt doch kein Mensch. So klingt ein Tier. So klingt die Brut des Teufels. Das ist meine Angst. Meine einzige Angst. Und diese Angst macht mich wütend.
Vor dem, was danach kommt, dem Tod, fürchte ich mich nicht. Was will mir der schon nehmen, was er nicht schon hat. Die Eltern. Heinrich. Ach, Heinrich, mein Heinrich.
Die Rufe draußen sind verstummt. Das Fensterviereck hoch oben in der Mauer ist nicht mehr auszumachen. Die Dunkelheit ist in den Turm geschwappt. Und mit ihr die feuchte Kälte. Ich schiebe die klammen Finger unters Leibhemd. Ein Schluchzen höre ich. Es kommt von der Wand gegenüber. Der junge Bursche vielleicht, ein fremder Fötzel, der Sodomie verurteilt. Oder die Frau des Schmieds, die einen Sack junger Katzen ersäuft hat und ihr Letztgeborenes gleich mit.
«Halts Maul», rufe ich.
Meine Stimme klingt derb. Es ist mir einerlei.
Das Schluchzen verstummt. Sogar hier drinnen haben sie Angst vor mir. Angst vor der Hexe. Was glauben die denn, was ich ihnen antun kann? Ob ich es da draußen hageln oder schneien lasse, ist im krummen Turm nicht von Bedeutung. Hier ist sowieso kalt und dunkel. Immerwährender Winter. Und den Ausbruch der schlimmen Seuch', vor der sie Angst haben, dass ich sie ihnen anhexe, erleben sie nicht mehr.

Ich bin eine Hexe. Das hat der Schultheiß von Solothurn gesagt. Ein wichtiger Mann. Ein mächtiger Mann. Ein Mann. Der wird schon wissen, was er sagt.

Hauptbeschreibung

Olten im 14. Jahrhundert. Metzina kennt die Kräuter, hilft Kinder auf die Welt zu bringen und weiß um die Kräfte des Wetters. Wenn Fieber die Körper schüttelt oder die Nächte von bösen Träumen heimgesucht werden, suchen die Menschen ihren Rat - noch.
Als feindliche Truppen vor den Stadttoren stehen, bricht über Olten ein gewaltiges Unwetter herein. Blitze zerreißen den Himmel, der Fluss tritt über die Ufer, und im Chaos des Sturms wendet sich das Kriegsglück. Zufall oder Zauberei?
Während die siegreichen Kyburger eine Erklärung für den ihnen in den Schoß gefallenen Triumph suchen, brauchen die Solothurner jemanden, der für ihre Niederlage verantwortlich ist. In beiden Lagern fällt der Verdacht auf Metzina. Sie flieht, wird gefasst und in den krummen Turm geworfen. Der Scheiterhaufen wird aufgeschichtet. Bald soll sie als Hexe brennen.
In der Dunkelheit des Gefängnisses verliert Metzina ihre Kräfte, die Hoffnung und beinahe den Verstand. Was ihr bleibt, ist die Stimme. Sie beginnt zu erzählen. Vom Leben als Frau und als Fremde. Von ihrer Kindheit in der Klus, von Krieg und Flucht. Vom tragischen Tod ihres Sohnes und von einer Welt, in der Wahrheit weniger zählt als das, was den Herrschenden nützt.
Sie erzählt gegen das Vergehen der Zeit an - und gegen ihr eigenes. Solange Metzina erzählt, ist sie noch.

Metzina ist eine eindringliche historische Erzählung über eine unbequeme, kluge und widerständige Frau aus dem 14. Jahrhundert. Gekonnt verknüpft die Autorin historische Überlieferungen und Fiktionalität zu einem besonderen Lesevergnügen.

Autor*in

Rebekka Salm ist in Bubendorf (BL) aufgewachsen und lebt seit einigen Jahren in Olten. Sie studierte Islamwissenschaften und Geschichte in Basel und Bern, arbeitet in der Kommunikation und ist Mutter einer Tochter. Sie publiziert in verschiedenen Literaturformaten; 2019 gewann sie den Schreibwettbewerb des «Schweizer Schriftstellerwegs». Ihre Siegergeschichte ist im Buch «Das Schaukelpferd in Bichsels Garten» (2021) erschienen. Mit ihren beiden Romanen «Die Dinge beim Namen» (2022, bei Kampa als Taschenbuch lieferbar) und «Wie der Hase läuft» (2024, als knappocket erhältlich) schaffte Rebekka Salm den Durchbruch im Literaturbetrieb. Ihr nächster Roman, «Winterhart», wird im Januar 2027 bei Ullstein erscheinen. Die Autorin wurde für ihr Schaffen mehrfach ausgezeichnet, u. a. von den Kantonen Solothurn und Basellandschaft, von der Stadt Olten und diversen Stiftungen.

Buchdetails

Titel: Metzina
Untertitel:Erzählung
Autor*in:Rebekka Salm
Verlag: Knapp, Olten
Erscheinungsjahr:2026
Sprache:Deutsch
20 mm x 128 mm
ISBN-13: 978-3-907334-54-6

Produktsicherheit

Hersteller: Knapp Verlag AG
Birkenweg 15, 4600 Olten CH
E-Mail: buch@knapp-verlag.chHersteller: Die Werkstatt Verlagsauslieferung GmbH
Birkenweg 15, 4600 Olten CHKönigstraße 43, 26189 Rastede DE
E-Mail: info@werkstatt-auslieferung.de

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