Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eva Knezicek:
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand Roman . 29.08.2011. Hardback. von Jonasson Jonas
Amüsant zu lesen....
?Amüsant zu lesen, der Witz liegt bei dem Buch "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" im Detail und ich bin sehr versucht sogleich den Autor selbst sprechen zu lassen...dies klappt jedoch leider nicht; jede witzige Szene verliert ihren Reiz bei der Isolation aus dem Text von Jonas Jonasson.
Es geht bei diesem Buch um die Serie, um die Aneinanderreihung, die Häufung des Grotesken. Groteske Geschichten häufen sich, werden zur Serie, Ungewöhnlichkeiten werden ins Unermessliche gesteigert, das Unglaubliche so forciert. Hinlänglich bekannte Probleme verzerrt der Schriftsteller zum Slapstick und nimmt damit der Alltäglichkeit ihre Schärfe. Erinnerungen an die Filme der "Marx Brothers" werden wach; Geschichten, Charaktere springen beim Lesen auf mich zu, es schillert dabei etwas Menschliches, All zu Menschliches. Fragen der Ethik wurden ins Abstruse geschrieben, auch werden makabre Sequenzen-und hiervon gibt es sehr viele-sofort von einer seltsamen Komik abgelöst. Spannungsgeladene Episoden ("Ethik-geladene" Episoden ) werden relativiert, durchbrochen mit Komik.
Wie in den Geschichten aus 1001 Nacht ergibt eine Sequenz die andere um die Erzählung am Laufen zu halten und ich vermute, daß Jonasson selbst dieses Muster durch die Steigerung ins manchmal durchaus Unerträgliche einfach nur auf die Schaufel nimmt. Er schafft es, sogar den Schwermut selbst ins Stolpern zu bringen.
Mehr möchte und kann ich dazu nicht schreiben, sehe ich doch beim Schreiben jedes dieser Sätze Allan Karlsson hämisch grinsend sein kleines Schnäpschen hinunterkippend verständnislos den Kopf schütteln.?
Rezensionen von Eva Knezicek:
In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge
Es war mir ein Vergnügen, es zu lesen
In jenem vier Generationen umspannenden Roman von Eugen Ruge " In Zeiten des abnehmenden Lichts" traf ich auf sehr kurze, klare Sätze - oft minimiert auf das absolut Kürzeste..."Kurt aß"(S.11). Jedoch wählte Ruge Szenen, welche nur allzu oft einer verbalen Überladung bereits erlegen sind - das macht diese Lektüre zur erholsamen Abwechslung.
Sehr gut gelingt es dem Autor mit jenen prägnanten, sprachlich sehr präzisen Sätzen eine besondere Atmosphäre zu schaffen, einen Zustand an sich zu beschreiben. Seine Romanfiguren werden zu Menschen-Geschichten, man leidet mit ihnen und ihr Leben ist zu spüren ( so auch die Traurigkeit eines ums Leben Betrogenen; fesselnd diese berührende, traurige Stimmung).
Herbst, die Zeit des abnehmenden Lichts, angekommen im Leben der Alten. Auch ganz besonders aktuelle Themen unseres Menschseins werden von Eugen Ruge angesprochen, auf eine sehr feine Art zum Thema gemacht : Mauern, Grenzen, Wegfall derselben. Grenzen öffnen sich, was geschieht ?
Eine Familiengeschichte und als solche mehr als das, ein Roman mit einem Stück Weltgeschichte.
Schließen möchte ich mit Sätzen des Autors " Und jetzt...Markus schaute den Namen an, der da stand und der zur Hälfte sein eigener Name war." (S.377/378) Sein Name, in diesem Fall der Name von Markus, stand auf der Todesanzeige die er eben erhalten hat, zur Hälfte sein Name...kürzer und schöner sind die Fallstricke der Familienbande nicht zu beschreiben, denke ich.
Rezensionen von Eva Knezicek:
Der Russe ist einer, der Birken liebt Gebunden. von Grjasnowa Olga
Ein wirklich sehr klares, durchdachtes Buch mit einer wundervollen Sprache. Danke
"Polyphones Geschrei", Stimmengewirr, Sprachenvielfalt, Klangteppich; Olga Grjasnowas Hauptfigur Maria Kagan -"Mascha"- führt uns durch enge, dreckige, gefährliche Gassen- voll Hinterhalte - über offene Marktplätze - voll bunter Marktschreier - hin zur Weite eines einsamen Olivenhaines - fern von allen Menschen jeglicher Herkunft.
Dort ist es noch hell trotz nahezu untergegangener Sonne. Dort ruft sie nach ihren Freunden. Dieser Platz ist nicht in Jerusalem, nicht in Deutschland, er ist in Palästina. Nicht in ihrer Heimat, nicht das Land ihrer Vorfahren. Es ist nicht die am Himmel sterbende Sonne welche das Zimmer ihres Freundes Elias mit warmen Licht durchflutet (vgl.S.42). Es ist eine sehr helle Sonne unter welcher ihr Elias ein Tuch zum Stillen ihrer Blutung reichen kann. Die Sonne in Olga Grjasnowas Roman wirft Schatten. Schatten welche einem Mädchen das Leben kosteten..."Ein sechzehnjähriges Mädchen wurde in ihrem Wohnzimmer erschossen, weil ihr Schatten im Fenster zu sehen war. Sie verblutete auf einem Wohnzimmerteppich mit einer für den Kaukasus typischen Farbgebung und Ornamentik."(S.48)
Der Beginn des Romans ist ein Nicht -beginnen -wollen. "Ich wollte nicht, dass dieser Tag begann."(S.9)Mascha versucht auf leisen Sohlen durch das Buch zu wandern("Als ich wieder zu Elias' Eltern in die Cafeteria ging, versuchte ich leise aufzutreten und die Absätze meiner Schuhe nicht auf die Marmorstufen knallen zu lassen."S.25), kaum hörbar durchs Leben zu flitzen, Sprache zu übersetzen ohne selbst zu sprechen. Mascha ist auf ein "diffuses Später ausgerichtet"(S.38).
"Auch die Wörter besetzte Gebiete, Armee und jüdischer Staat passten nicht in ihre Zukunftsutopie." (S.50)
Landlosigkeit, Heimatlosigkeit - Maschas Geschichte ist voll Geschichte ohne Land. Auf der Suche nach Land.
"Alle Russen wollten Kosmonauten werden, aber mein Vater war tatsächlich einer."(S.52) Er tritt seine Reise in die Weite des Alls allerdings nie an. Maschas Vater nimmt sie lediglich mit auf die Dächer der Häuser, die Weite der Stadt überblickend, um mit Hilfe eines Teleskopes die fernen Sterne zu erkunden. Dies sind sehr zärtliche Momente frei von Gewalt, aber auch frei von anderen Menschen, sein "soziales Sibirien" ist seine Sicherheit.
Es ist ein überaus feines Buch über die Begegnung der Kulturen. "...Fanon, Said, Terkessidis..."(S.221) - Lesarten.
Beim Anblick einer Burka umhüllten Frau lehnt sie an einem blauen CDU-Wahlkampfplakat, Mc Donald's-Schilder sehen wie die Halbmonde an Minaretten aus. Wie ist die alte Tradition lebbar, mit all ihrer Geschichte? Immer wieder kommt es zu einem Einbruch in die Gegenwart, Bilder aus der Vergangenheit verstören, machen eine Leichtigkeit unmöglich. Immer wieder taucht das Bild der am Unterleib blutenden Frau im hellblauen Unterkleid auf, bis der Roman mit der nasenblutenden Mascha endet. Mascha kommt mit diesem Nasenbluten davon, mit der Erinnerung an die verblutete Frau am Boden.
Olga Grjasnowa lässt uns durch das Schaufenster der Metzgerei blicken, zieht uns in das Tohuwabohu von Maschas Seele. Die Tage des Schlachtens haben längst begonnen, nie aufgehört. Doch dieser Hass ist nichts Persönliches er ist strukturell (vgl.S.46). Alles wiederholt sich. Es ändern sich nur Farbe und Intensität.
Integration verlangt Klartext nicht Schönfärberei (vgl.S.137)
Ein wirklich sehr klares, durchdachtes Buch mit einer wundervollen Sprache. Danke
Rezensionen von Eva Knezicek:
Die Tigerfrau. von Obreht Téa
Eine ... zauberhafte Sprache voller Symbolkraft, voller mystischer Bilder holte mich als Leserin ab und ließ mich in die Welten der ganz anderen versinken
Eine sehr lyrische, zauberhafte Sprache voller Symbolkraft, voller mystischer Bilder holte mich als Leserin ab und ließ mich in die Welten der ganz anderen versinken. In die Welt der Ärztin Natalia, in die Welt ihres Großvaters, in die Welt der taubstummen Tigerfrau und in jene des Tigers selbst. Fesselnd der immer wiederkehrende Perspektivenwechsel zwischen Mensch und Tier.
Téa Obreht weiß um die Zerbrechlichkeit guter Geschichten, mit viel Behutsamkeit arbeitet sie mit offenen Szenen, lässt Leerstellen ihren Raum und bricht ab, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Dies ist die Stärke ihrer oft sehr mystischen Bilder, sie bricht ab und lässt dem Leser Raum bevor es zu viel wird. So etwa jene Szene mit dem Hufschmied, eingefangen wird eine eigentümliche Atmosphäre ? ein Licht durchbricht die Alltäglichkeit bevor der Hufschmied Hand an sich legt [vergleiche Seite (vgl. S.) 155].
Hier weiß die Autorin, wann sie endet, lässt somit der Erzählung ihren Zauber. Es scheint, als ob die Zeit stillsteht, sobald der Tiger die Bühne betritt. Er ist ein Wesen außerhalb von Raum und Zeit, eine Gestalt, die einbricht in die Geschichte und die das Spiel mit Raum und Zeit im Roman hält und trägt. Ein "Zwischen" ist die Stärke dieses Buches, wesentlich sind nicht die Differenzen sondern der Bereich "dazwischen". Nicht der Tod oder das Leben sind Topoi der Erzählung sondern das fluoreszierende "Dazwischen". Der Mann, der nicht sterben konnte, ist ebenso ein "Zwischenwesen" wie der Tiger, welcher nicht mehr ganz wild, so doch teilweise gezähmt, Teil der Natur bleibt. Das Unkalkulierbare fällt ein in die Alltäglichkeit; es kann das Unfassbare des Krieges sein, das Unfassbares folgen lässt, jenes "außerhalb der Norm", welches, gewaltig und stumm, vor dem Entsetzlichen ? dem Einbruch des Krieges ? halt machen lässt. Es herrscht der Ausnahmezustand, er lässt alle Kriterien von Raum und Zeit hinter sich. Sumpfgebiete, verdorrte Felder, wo sich die Toten häuften (vgl. S.123), in dieser trostlosen, brachgewordenen, Welt streift der Tiger umher. Doch selbst diesen unermüdlichen Jäger befällt eine Krankheit.
Aber ich treffe auch als Leserin auf die Besonderheiten einzigartiger Momente. So hüllt nicht nur der Atem des Elefanten Natalia und ihren Großvater ein, auch der Zauber der Worte betört mit seinem Duft. Es gibt märchenhafte Bilder, etwa, wo der Großvater mit seiner Enkelin durch die stillgewordene Stadt eilt, um die verheißungsvolle Zukunft zu sehen; zu spüren ist, was das Prinzip Hoffnung meint. Dieses Prinzip Hoffnung wird als Widerstand gedacht zur nihilistischen Gleichheit des Todes. Gleichgemacht, es existieren keine Unterschiede in den Äußerlichkeiten. Der Krieg, mit seinem stummen Begleiter, dem Tod, zerstört alles, Regierungsgebäude sowie die Häuser der Kriegsverbrecher. Berührende Szenen über das Verhalten der Kinder, welche, dem Tode nahe Gelassenheit und Akzeptanz zeigen, folgen.
Es ist mehr als eine beschriebene Bewältigungsstrategie, ein auf mich als Leserin unheimlich wirkendes Wissen kommt zum Vorschein. Immer wieder kam mir beim Lesen das Bild der Ente aus dem, von Wolf Erlbruch geschriebenen, fabelhaften Kinderbuch mit dem Titel "Ente, Tod und Tulpe" in den Sinn. Das Buch von Téa Obreht ist eine bittersüße Auseinandersetzung mit dem Tod, "Aber so war das Leben." (Wolf Erlbruch, "Ente, Tod und Tulpe", letzte Seite, letzter Satz).
Rezensionen von Eva Knezicek:
Die Tigerfrau. von Obreht Téa
Dies ist ein sehr gutes, ein sehr grausames Buch
Sara Silverstein erlebt in dem Roman "Der Sohn" von Jessica Durlacher nach dem Tod ihres Vaters furchtbare Gewalt. Sie und ihre Familie werden zu Opfern, stehen entsetzlicher Brutalität vorerst machtlos gegenüber. Worte fehlen "Als sei die Unversehrbarkeit ein Grenzraum, der der Sprache den Zugang verwehrt"(S.
230), die Sprache endet - "Die Schändung der persönlichen Unversehrbarkeit lässt sich nicht mitteilen"(S.230). Erst im Verlauf des Buches zeigt sich die Verknüpfung mit der Vergangenheit ihrer Herkunftsfamilie.
Wie ist ein Leben nach dem Erleben von unglaublicher Gewalt möglich, in der Vergangenheit ihrer jüdischen Herkunftsfamilie, in der Gegenwart Saras Familie?
"Wie kann ich dieses Böse auf ein Format reduzieren, das nicht mehr meine ganze Brust ausfällt?"(S.347)
Eine tiefe Traurigkeit, ausgedrückt in klaren Sätzen, ist spürbar. Jessica Durlachers Sprache ist wie klares Wasser, aber es zu trinken lässt frieren; ihre Sprache ist eiskalt. Gefragt wird nach einem Weg, aus der Opferrolle heraus. Wie ist ein Widerstand möglich, heraus aus der Ohnmächtigkeit gegenüber der "disgrace"(S.361).Es ist die Geschichte einer Verarbeitung. Das Buch zeigt die Entwicklung eines Opfers aus seiner ohnmächtigen Hilflosigkeit zu einem aktiven Täter. Doch dieser Schritt gelingt einzig mit der Hilfe eines nicht involviertem Menschen. Ist dies ethisch zu rechtfertigen? Ist eine Tat jemals entschuldbar? Dazu ist nichts zu sagen, "...darüber werde ich mich nicht näher äußern."(S.381)
"Ich kämpfe mit Schatten aus einer Vergangenheit, die keiner mehr für lebendig und von Belang hält."(S.62) lässt die Autorin Sara sagen. Aber es geht um die prinzipielle Struktur von Gewalt. Um die Verwandlung eines Menschen zu einem Objekt der Gewalt, zu einem Insekt. Einem Tier, welches entfremdet, zum Objekt unter dem gnadenlosen Licht eines Stroboskopes wird. Dies ist ein sehr gutes, ein sehr grausames Buch. Es ist frei von Anklage, doch zerriss es mir das Herz und ich musste Pausen beim Lesen einlegen um mich wieder zu fassen.
Rezensionen von Eva Knezicek:
Er ist wieder da von Vermes Timur
Timur Vermes Buch ist eine eingehende Beschäftigung wert!
Jedes Buch hat seine Zeit, jede historische Auseinandersetzung mit der Geschichte seine Atmosphäre.
Die vergangene Zeit macht es wohl möglich, dass nun nicht mehr vorwiegend Bücher aus der Sichtweise der Opfer des Nationalsozialismus geschrieben und gelesen werden.
Im Roman "Er ist wieder da" von Timur Vermes, einem Autor mit jüdischen Wurzeln, geht es um die unmittelbare Auseinandersetzung mit den Gedanken des wiederauferstandenen Adolf Hitler.
Als Leserin werde ich mit einer Erzählperspektive in erster Person konfrontiert. Und diese erste Person ist Adolf Hitler. Viel unkomplizierter wäre doch die Opferperspektive! Aber Bücher sind immer auch Herausforderung, Konfrontation und Grenze.
Timur Vermes gelang es die Farbe der Sprache von Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf" zu erfassen und wiederzugeben. Dies zieht die Schwierigkeit der Auseinandersetzung mit der Sprache seines Buches nach sich. Ich quälte mich stellenweise, seitenweise durch jenes Werk. All die abwegigen, furchtbaren Ideen und Gedanken von Adolf Hitler sind im Buch Timur Vermes enthalten - seine Einstellung zu Homosexualität S.150, zum Judentum S.130, zu psychischen Krankheiten S.103.
Aber es gelang Vermes durch das Nebeneinander von Nebensächlichkeiten, Banalitäten, Alltäglichkeiten und dem absolut Bösen, genau diesem Bösen die Furchtbarkeit zu nehmen.
Was spiegelt sich in diesem Kunstgriff, was spiegelt sich in der Struktur dieser Sprache?
Ich kann jenen, zur Anklage befugten Opfern, den ermordeten Opfern des Nationalsozialismus, nicht zuhören, den entkommenen, gequälten, ihrer Familien beraubten, bald auch nicht mehr, aber ich kann mich auseinandersetzen mit der Struktur die bleibt, die das Sein unterwandert und die Wirklichkeit immer wieder durchbricht.
Erschreckend wurde mir bei der zweiten Lektüre, dem nochmaligem Lesen des Buches bewusst, wie viel mein Verstand ausgeblendet hatte, was nicht möglich sein kann, nicht sein darf.
Timur Vermes Buch ist eine eingehende Beschäftigung wert, schließen möchte ich mit den Sätzen Wittgensteins
"4.121 Der Satz kann die logische Form nicht darstellen, sie spiegelt sich in ihm. Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen. Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit. Er weist sie auf." (aus Ludwig Wittgenstein "Tractatus logico-philosophicus" S.43)
Rezensionen von Eva Knezicek:
Polarrot von Patrick Tschan
?Der Autor vermag es, seine Leser ins Himmelreich der Phantasie verschwinden zu lassen, er zaubert famos Kulissen in die Köpfe seiner Leser.?
"Ich will das Leben."(Patrick Tschan"Polarrot",S.97) ist ein Satz von Jack Breiter, dem Protagonisten aus Patrick Tschans Roman "Polarrot". Im rasanten Tempo eines road movies darf ich ihn als Leserin begleiten, eile stellenweise seinem ehrgeizigen Streben nach Erfolg hinterher, wünsche dieser, moralisch nicht immer korrekt handelnden Romanfigur, oft mehr Glück.
Und immer wieder frage ich mit Elsie "Mein Gott Breiter, warum dieses Tempo?"(P.Tschan,S.257). Jack wächst einem ans Herz, ein derart unkorrekter Mensch wirkt wohltuend. "Polarrot" ist eine sehr lebendige Geschichte, es ist buntes Erleben, es "menschelt".
Breiter ordnet sein Leben mit der Aufteilung seines Geldes in "Kässelis". Auf Anraten von Vittorio, stellt er Behälter für die Einteilung seines verdienten Einkommens bereit. Diese begleiten ihn sein Leben lang, zeigen ihm vergessene, verlorene Wünsche, lehren ihn nicht alles auf eine Karte zu setzen. Aus dem "Hals-über-Kopf-handelnden", spontanen Taggenburger Jungen wird ein strategisch operierender Widerstandskämpfer. Oder ist er doch nur ein profitstrebender Menschenschmuggler? Ein Buch frei von Pathos !
Breiter fasst Boden, nachdem er den Boden durch seinen Aufenthalt im Konzentrationslager unter den Füssen verloren hat, nachdem er unzählige Schicksale erlebt, Grausamkeiten durchlebt hat. Ich nahm teil an Breiters flotten Leben, wurde mit ihm sesshaft, nahm seine Erschütterungen wahr, fasste mit ihm wieder Mut für neuerlichen Aufbruch.
Patrick Tschan vermag es seine Leser ins Himmelreich der Phantasie verschwinden zu lassen, er zaubert famos Kulissen in die Köpfe seiner Leser. Obwohl Jack Breiter letztendlich alleine durchs Leben gehen muss (vgl.P.Tschan,S.98), wurde eine Liebesgeschichte, voll verspielter Details, fein eingewebt.
Rezensionen von Harald Schellander:
Polarrot von Patrick Tschan
Die Zeit, die man sich durch das Nicht-Lesen erspart, kann jedenfalls besser genutzt werden.
Tiefenbohrungen über und unter Tage im Berlin knapp vor dem Mauerfall. Der junge, fesche Karsten Gruber gerät in die Redaktion des lokalen Blättchens im Märkischen Viertel, einem öden Stadtteil im Norden Berlins mit 40.000 von der U-Bahn abgeschnittenen Einwohnern.
Genau dieser Umstand wird zum Mittelpunkt abenteuerlicher Recherchen, bei denen nichts ausgespart bleibt: nicht Kartsens amouröse Abenteuer mit seiner alten Schulfreundin Simone, in deren Mutter er sich verliebt, nicht die seitenlangen Beschreibungen des Berliner U-Bahn- und (ja, das gibt es) Bergbaunetzes, nicht die ausführlichen und letztlich wenig informativen Schilderungen zur titelgebenden "Senatsreserve".
Vor allem aber - die Berliner Halbwelt. Deren Zuhälter und Prostituieren scheinen anfangs bloß schrullig, fast liebenswert, um dann immer mehr ihre brutale Seite zu zeigen.
Dass und wie Karsten und sein Reporterkolleg Martin letztlich dem Strudel entkommen, in den sie sich nichtsahnend und naiv hineinziehen ließen, ist billig wie das Ende eines C-Movies.
Dem Leser wird auf diesen 300 viel zu langen Seiten auch stilistisch einiges zugemutet, zum Beispiel oftmalige Wechsel ins Berlinerische oder der Wechsel der Erzähler-Perspektive. Die Zeit, die man sich durch das Nicht-Lesen erspart, kann jedenfalls besser genutzt werden.
Rezensionen von Harald Schellander:
Polarrot von Patrick Tschan
Den Begriff "Zeit" hat für mich noch kein Autor in so vielen unterschiedlichen Facetten so wortgewaltig geschildert.
Den Begriff "Zeit" hat für mich noch kein Autor in so vielen unterschiedlichen Facetten so wortgewaltig geschildert. Felix J. Palma gelingt es, in manchen Passagen atemlose Spannung zu erzeugen, in anderen wiederum durch detailgenaue Beschreibungen zu langweilen. Weil er dafür jede Menge Zeit braucht, erzählt er die Geschichte auf den letzten Seiten im Zeitraffer.
Zurück bleiben bei mir einige Fragezeichen. War der Roman den vielstündigen Lese-Aufwand wert? Würde ich mir Zeit für weitere Fortsetzungen nehmen? Wahrscheinlich schon, denn letztlich siegt bei mir doch immer die Neugierde.?
Rezensionen von Harald Schellander:
Massimo Marini von Rolf Dobelli
...das Kunststück, auch noch dem letzten Satz Sprengkraft zu verleihen!
?Den Rahmen für diese perfekt recherchierte, knapp und präzis geschriebene
Einwanderergeschichte bildet der Bau des Gotthard-Basistunnels.
Wie ein Mineur dringt Rolf Dobelli in die Seelentiefen der von ihm sehr plastisch
und mit viel Liebe zum Detail gearbeiteten Figuren vor. Es bleibt kein Stein
auf dem anderen, wenn der Ich-Erzähler in Gestalt eines (scheinbar
eigenschaftslosen) Rechtsanwaltes den Aufstieg, Erfolg und Fall seines
Klienten Massimo Marini, einem Mann mit vielen Eigenschaften, beschreibt.
Dieser Roman erreicht das Ausmaß einer antiken Tragödie, ohne jemals zu
langweilen oder zu belehren. Dobelli gelingt sogar das Kunststück, auch noch
dem letzten Satz Sprengkraft zu verleihen. Und dieser besteht aus bloß vier
Worten.?








