Kunden em pfehlungen
Rezensionen von cosmea:
Die Liebeshungrigen von Karine Tuil
Machtkämpfe überall
Ein Jahr, nachdem Dan Lehman, der fiktive linke Präsident mit jüdischen Wurzeln, nicht wiedergewählt wurde und gegen die Kandidatin der extremen Rechten verloren hat, kämpft er nach dem plötzlichen totalen Absturz noch immer ums Überleben. Seine zweite Ehe mit der deutschen Schauspielerin Hilda ist nach fünf Jahren nur noch Fassade, die Scheidung eine Frage der Zeit, zumal die attraktive Schauspielerin mit ihrem neuen Film auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen ist.
Kurioserweise beruht der Film auf dem neuen Roman von Marianne, Lehmans erster Frau, mit der er viele Jahre verheiratet war und drei Kinder hat. Er liebt seine Kinder sehr, auch die kleine taubstumme Tochter aus der Ehe mit Hilda. Er hat auch nie aufgehört, Marianne zu lieben und hofft, da wieder anknüpfen zu können, wo er die Beziehung einst beendet hat. Dan ist jedoch Alkoholiker, was einen Neuanfang zusätzlich erschwert und muss sich gegen diverse Anzeigen vor Gericht wehren.
Aus wechselnder Perspektive erzählt der Roman die Geschichte verschiedener Figuren und behandelt dabei nicht nur das Thema Liebe in all ihren Facetten, sondern vor allem auch die Machtkämpfe in allen Bereichen: in der Politik, in der Ehe und allen Beziehungen, in der Filmindustrie und im Literaturbetrieb. Die Autorin zeigt, dass sich Frauen in der Filmbranche besonders häufig gegen dominante übergriffige Männer wehren müssen. Sie macht außerdem deutlich, welche Macht die Medien ausüben, wenn sie Personen im Rampenlicht aufbauen oder Existenzen zerstören. So muss sich Dan Lehman nach seiner Wahlniederlage üble antisemitische Beschimpfungen gefallen lassen und hinnehmen, dass die von ihm geleistete Arbeit nichts mehr gilt. Angesichts dieser Thematik finde ich den deutschen Titel nicht besonders passend gewählt für einen Roman, der im Original “La guerre par d´autres moyens“ (Krieg mit anderen Mitteln) betitelt ist.
Ich kenne die Autorin schon seit vielen Jahren und habe auch ihren neuen Roman sehr gern gelesen. Ich empfehle ihn ohne Einschränkung.
Rezensionen von Dragon:
Die ganze Wahrheit über die 5. Klasse von Kim Tomsic; Mark Parisi
Zwischen den Zeilen einer Freundschaft
In fremden Tagebüchern lesen gehört sich einfach nicht! Das wissen wohl Charli (Charlotte) und ihr bester Freund Alex am allerbesten, nachdem sie in ein wahres Chaos der Gefühle und Missverständnisse schlittern, denn die 5. Klasse verändert so einiges und Gerüchten zufolge verändert man sich in der Fünften – das sagen alle!
Und obwohl man nicht die Nase in fremde Tagebücher stecken sollte, ist genau dies dem Lesenden hier erlaubt! Man erhält exklusive Einblicke über das jeweilige Tagesgeschehen aus der Sicht von Charli und parallel seinem Eintrag in das eigene Tagebuch bei Alex.
Ich muss sagen, dass ich mich auch als Erwachsener sehr gut unterhalten und abgeholt gefühlt habe, denn dem Autoren-/Illustrationsteam Tomsic/Parisi gelingt hier ein absolut überzeugendes Buch, das das Gefühlsleben von frisch gebackenen Fünftklässlern beleuchtet und authentisch und mitreißend darstellt. An die eigene Jugendzeit erinnert, kommt mir dabei so einiges bekannt vor.
Ich mag besonders, wie die Tagebucheinträge von Charli und Alex sich sowohl im Textstil als auch inhaltlich unterscheiden und verschiedene Situationen aus der jeweiligen Sicht zeigen. Die comicartigen Illustrationen passen perfekt dazu und vermitteln einen glaubwürdigen Tagebucheintrag. Für die junge Zielgruppe ab etwa 10 Jahren dürfte das Thema ideal passen, weil sich viele darin wiederfinden können, wenn man gerade für jemanden zu schwärmen beginnt. Die unterhaltsamen Texte sind wirklich kurzweilig, witzig und altersgerecht. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es den ein oder anderen dazu animieren könnte, selbst mit dem Tagebuchschreiben zu beginnen. Mit ihren liebenswerten Charakteren hat Kim Tomsic bei mir voll ins Schwarze getroffen und ich kann das Buch jedem empfehlen, der einen unterhaltsamen Comicroman über Freundschaft und Vertrauen mit viel Humor sucht.
Rezensionen von milky:
Meeresdunkel von Till Raether
Das Meer gibt nichts zurück
Der Thriller Meeresdunkel von Till Raether handelt von zwei deutschen Familien, die scheinbar durch einen Buchungsfehler für denselben Zeitraum dieselbe Finca auf Mallorca gebucht haben. Zunächst scheint alles gut zu laufen, doch dann zieht ein Sturm auf und die Ereignisse überschlagen sich.
Die Geschichte ist abwechselnd aus der Sicht von Henrike, Samuel und Juri geschrieben; jeweils als personaler Erzähler.
Henrike ist eine der beiden Familienmütter, Samuel ist der Vater der anderen Familie und Juri ist der achtjährige Sohn von Samuel. Diese Aufteilung ist eher ungewohnt, vor allem Juris Sicht, jedoch rundet sie die Geschichte ab. Der Autor schreibt stets nachvollziehbar und unkompliziert, sodass ein flüssiges und angenehmes Lesen gut möglich ist.
An sich passiert während der Geschichte nicht viel: sie spielt sich zum Großteil in der Finca ab. Die Spannung wird eher dadurch erzeugt, was die Personen voneinander erfahren und wie ihre Vergangenheit nach und nach aufgedeckt wird. Insgesamt hätte der Autor den Leser noch etwas mehr auf die Folter spannen können.
Rezensionen von Gavroche:
Mein zärtlicher Schatten von Johanna van Veen
Düstere Spannung
Also vorab mal eine Stellungnahme zu dem wunderschönen und so kunstfertig gestalteten Cover. Nehmt euch auf jeden Fall die Zeit, es genau zu betrachten, hier gibt es viel zu entdecken.
Aber nun zum Inhalt, der ja viel wichtiger ist als ein schönes Cover:
Es fängt schon ein wenig gruselig mit einer Séance an und die Protagonistin Roos trifft dort auf ihren Geist Ruth.
Roos wächst bei einem Medium auf und sie soll diese mit Maman nennen, auch wenn sie eben nicht ihre Mutter ist, aber das verkauft sich halt besser. Roos wird von ihr ausgenutzt und zur Mitarbeit bei ihren Betrügereien gezwungen, auch wenn sie Angst hat. Als sich dann eben auch noch Ruth zeigt, dient Roos auch als Medium. Zu einer der Séancen kommt Agnes Knoop und kauft sie ihrer Ziehmutter ab und dann geht die Geschichte erst richtig los.
Der Roman hat viel von einem klassischen Schauerroman und so manches Mal fragt man sich, ist das nun übersinnlich oder Einbildung? Wie soll ich das auffassen? Und das Ende ist auch außergewöhnlich.
Für einen Jugendroman recht komplex, aber mir hat es im Großen und Ganzen gefallen.
Rezensionen von Katharina Grassmugg:
Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman
Ein sher interessantes Buch
Jaqueline Harpman hat hier einen dystopischen Romam abgeliefert der sich gewaschen hat.
Vierzig Frauen die in einem unterirdischen Käfig ihr dasein fristen... sie werden bewacht und kontrolliert doch sie kennen alle die Welt wie sie früher war. Alle .. abgesehen von der Protagonisitn.
Sie ist die erste die den Schritt nach draußen wagt nachdem die Wärter verschwunden sind und die Türen des Gefängnisses aufgehen.
Nun müssen die Frauen lernen in dieser Welt zurechtzukommen. Sie bauen sich ein Leben auf, werden älter und sterben. Alle bis auf die protagonisitn die die Außenwelt nicht kannte. Nun muss sie lernen alleine in einer ihr unbekannten Welt zu überleben.
Dieser Roman hat mich teilweise sehr verstört und teilweise sehr beeindruckt. Die Schilderungen der Protagonistin waren wirklich spannend und interessant. Die Geschichte ist sowohl sehr originell als auch wirklich spannend und man versucht immer wieder zu verstehen wir die prtagonisitn sich in der ihr unbekannten Welt zurechtfinden wird.
Ein wirklich interessanter Roman
Rezensionen von evaki:
Das Jahr der Schmetterlinge von Lea Korsgaard
Eine Liebeserklärung an Schmetterlinge
Ein Blick auf das traumhafte Cover von Lea Korsgaard's Buch, mit dem deutschen Titel "Das Jahr der Schmetterlinge", sagt schon viel über das, was wir hier als Zaungast miterleben dürfen. Es pendelt zwischen Sachbuch und Roman, verbindet viel Wissenswertes mit Erlebtem. Der Anfang ist leicht erzählt: die dänische Autorin sieht einen Schmetterling, den sie im Internet sucht und dabei kommt ihr die wirklich herausragende Idee, alle tagaktiven in Dänemark lebenden Schmetterlinge, innerhalb einer Saison, zu sehen.
Wir lesen über die verschiedenen Schmetterlingsphasen von Ei, Raupe, Puppe bis zum Tag an dem sie fliegen und z.B. weite Strecken hinter sich lassen können, so wie Zugvögel, die vor Wintereinbruch zur Eiablage wieder in den Süden fliegen. Historisches und Wissenschaftliches von Aristoteles bis Freud wird genauso eingeflochten, wie schöne Zeichnungen verschiedener Falter der Autorin selbst. Die ausführlichen Quellenangaben spornen an, eigene Recherchen zu beginnen und selbst den Spuren der Schmetterlinge zu folgen. Bleibt noch die tolle Übersetzung von Kerstin Schöps und Dank an den Ullstein Verlag für diese schöne in deutsch erschienene Ausgabe.
Rezensionen von stina23:
Der rätselhafte Verwandte aus der Eiszeit von Silke Vry
Archäologie für Kinder aufbereitet
Im siebten Band der „Dusty Diggers“ wird einer Menschenart auf den Grund gegangen, die es in dieser Form nicht mehr gibt – den Neandertalern. Zu Beginn begegnet man zwei italienischen Arbeitern, die beim Zerhacken einer dicken Lehmschicht in einer Höhle im deutschen Neandertal auf Knochen stoßen.
Durch mehrere glückliche Zufälle und beharrliche Menschen wird dieser Fund der Wissenschaft zugänglich gemacht und nach und nach stellt sich heraus, welche Sensation dahintersteckt. Einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kommen zu Wort und es wird über die neuesten Erkenntnisse über die Lebensweise der Neandertaler berichtet.
Ich habe mit dem siebten Buch mein erstes aus der Dusty-Diggers-Reihe gelesen und mir hat es sehr gut gefallen. Zwar passe ich nicht ins Profil der hauptsächlich angesprochenen Leserschaft (für Leser und Leserinnen ab 8 Jahren), aber auch als Erwachsene darf man sich mit und über Kinderbücher freuen. Und tat ich! Ich war vor allem von der Art, wie (Archäologie-) Geschichte vermittelt wird, begeistert. Die oft so harten Fakten der Geschichte sind in eine schöne Story verpackt, und man lernt einfach nebenher etwas Neues (zB: Warum musste die harte Lehmschicht weggehackt werden?). Mich erinnert die Herangehensweise an einen Podcast, den mein Kind sehr gerne hört und sich dabei einiges über Geschichte merkt. Die Sprache ist an das Alter der angesprochenen Leserschaft angepasst. Am Ende des Buches gibt es einige Seiten, auf denen Wörter, die im Text mit einem Sternchen markiert wurden, erklärt werden. Die Autorin schafft auch etwas sehr Wichtiges - sie gibt Frauen der Wissenschaft einen Platz im Buch. Im 19. Jahrhundert waren es zum allergrößten Teil Männer, die Erwähnung und Beachtung fanden. Silke Vry lässt die Leserschaft an der Arbeit von zwei Frauen und einem Mann im 21. Jahrhundert teilhaben und macht so auch für Kinder sichtbar, dass jede und jeder eine Stimme hat, die gehört werden soll.
Die Illustrationen von Marie Geissler sind wunderbar. Sie begleiten die Geschichte nicht nur sehr gut, sie machen das Buch zu einem Erlebnis. Die bunten und mit Liebe zum Detail gemachten Zeichnungen laden zum Betrachten ein und unterteilen den Text, was für einige junge Leserinnen und Leser motivierend sein kann („schau mal, ich hab bis zu diesem Bild gelesen“).
Ich bin von diesem Buch begeistert und werde die Reihe auf jeden Fall weiterverfolgen und auch weiterempfehlen!
Rezensionen von Sheilo:
Beth is dead von Katie Bernet
Richtig spannend
Ein Buch, dass für Schlagzeilen sorgt und ein Autor, der das Leben seiner Kinder für einen Bestsellerroman verkauft. Im Buch "Little Women" gab es nur ein Element, welches nicht der Wahrheit entsprach - Beths Tod. Bis Beth dann wirklich gestorben ist, doch wer ist der Mörder / die Mörderin? Denn plötzlich scheint es, als hätte jeder im Umfeld ein Motiv.
"Beth is dead" ist ein packender Thriller von Katie Bernet, dessen Hörbuch wirklich sehr gelungen ist. Durch die verschiedenen Sprecherinnen Jodie Ahlborn, Julia Nachtmann, Nina Reithmeier und Lisa Cardinale wusste man immer sehr gut, welche Perspektive im Hörbuch gerade eingenommen wird, da die Kapitel aus den Sichten der Schwestern beschrieben sind, wobei sich die Vergangenheit und die Gegenwart abwechseln. Jede Schwester hat dabei einen sehr individuellen Charakter, der für mich beim Zuhören sehr hervorgestochen ist.
Besonders raffiniert ist es der Autorin gelungen, immer wieder neue Fährten für Verdächtige zu legen. Plötzlich haben so viele Personen ein Motiv und es kommen kontinuierlich neue Details dazu, wobei sich die Puzzleteile sich langsam zu einem Gesamtbild zusammenfügen und der Verdacht sich auf einzelne Personen konzentriert.
Für mich ist "Beth is death" wirklich ein Highlight, da die Charakter toll aufgebaut werden und die Spannung bis zum Ende des Buches aufrecht gehalten wird. Ich habe viel über Moral nachgedacht, im besonderen bzgl. des Umgangs der Protagonisten miteinander und dem, was der Vater mit seiner Veröffentlichung seiner Familie angetan hat. Ich mag "Beth is dead" sehr und daher gibt es von mir eine große Empfehlung.
Rezensionen von Anjulia :
Weavingshaw von Heba Al-Wasity
Geister und Geheimnisse
Leena hat ein Geheimnis: Sie sieht Geister. Um ihrem Bruder das Leben zu retten, verkauft sie dieses Geheimnis an Saint Silas, den Saint der Stille, der jedes echte Geheimnis großzügig vergütet. Tatsächlich will Silas Leenas Gabe für sich selbst nutzen, um Kontakt zu einem Toten aufzunehmen, und zwingt sie zu einem weiteren Pakt.
Weavingshaw von Heba Al-Wasity ist ein herausragendes Buch aus dem Bereich der gothic Romantasy. Der Schreibstil ist flüssig zu lesen. Es ist eins dieser Bücher, in denen man noch ein Kapitel lesen möchte, und dann die halbe Nacht um ist. Die Autorin legt viel Wert auf Stimmung und Setting der Geschichte. Morland erinnert mich an das historische England zur Zeit der industriellen Revolution. Leena hat als Migrantin mit Ungerechtigkeiten zu kämpfen. St. Silas ist geheimnisvoll, undurchschaubar hat durch die Geheimnisse, die er sammelt, eine gewisse Macht. Seine Handlungen sind tatsächlich morally grey. Welches Ziel er hat und welches Geheimnis er verbirgt, offenbart sich im Laufe der Geschichte. Das Verhältnis zwischen Silas und Leena ist zunächst von Machtungleichgewicht geprägt, und geht dann Richtung Slow Burn Romance. Mir hat die Anziehungskraft zwischen beiden gut gefallen. Als Auftaktband ist die Geschichte nicht in sich abgeschlossen, weshalb ich aufgrund des offenen Endes auf die Fortsetzung gespannt bin.
Rezensionen von Eternal-Hope:
Die Einsamkeit von Sonia und Sunny von Kiran Desai
Über Einsamkeit und Entfremdung zwischen den Kulturen
Sonia und Sunny, beide ursprünglich aus indischen Familien stammend, scheinen es auf den ersten Blick richtig gut zu haben: ihre Familien sind in der Lage, ihnen jeweils ein Studium in den gepriesenen USA zu ermöglichen. Sonia hat Literatur in Vermont studiert, Sunny Journalismus in New York. So stehen den beiden alle Verheißungen des Westens offen, möchte man glauben: eine Zukunft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, voll unendlicher Weiten, und ein modernes, freies Leben, frei von den Zwängen alter kultureller Traditionen und familiärer Erwartungen - statt ganz jung heiraten zu müssen, wie viele andere junge Menschen in Indien.
So würde man erwarten, dass die beiden glücklich und erfüllt sind, oder? Das hätten sich zumindest ihre Familien für sie gewünscht, die ihnen dieses Auslandsstudium ermöglicht haben. Dieses Unverstanden-Sein erhöht natürlich das Gefühl der Einsamkeit der jungen Menschen noch einmal mehr, zur äußerlichen kommt noch eine starke innerliche Unverbundenheit und Entfremdung von der Lebenswelt der Herkunftsfamilien dazu:
"Einsam? Einsam?" Für Einsamkeit hatte man in Allahabad kein Verständnis. Sie kannten dort vielleicht die Einsamkeit, die entstand, wenn man sich missverstanden fühlte; sie kannten vielleicht das leere tote Gefühl der Nachmittage von Allahabad, eine Ebbe, die ewig währen mochte; aber sie waren noch nie allein zu Hause gewesen, hatten nie eine Mahlzeit allein eingenommen, nie an einem Ort gelebt, an dem sie Unbekannte waren, waren nie aufgewacht, ohne dass ein Koch ihnen Tee brachte oder ohne mehreren Menschen einen guten Morgen zu wünschen." (S. 9)
Und viele Aspekte des amerikanischen Traums erweisen sich als zerplatzende Seifenblasen: an eine dauerhafte Arbeitsgenehmigung ist nicht so leicht zu kommen, es gibt Vorurteile und Diskriminierung und in manchem sind die beiden in wohlhabenden, behüteten indischen Familien aufgewachsenen jungen Menschen wohl auch psychisch nicht so gut vorbereitet auf die Härten eines Lebens alleine, fernab der Verwandten, in einem fremden Land am anderen Ende der Weltkugel.
Dieses neue monumentale Epos der Booker-Preisträgerin Kiran Desai begleitet also Sonia und Sunny sowie weitere Personen aus ihrem Umfeld über fast 750 dicht erzählte Seiten durch einige prägende Episoden ihres Lebens als junge Erwachsene in ihren 20ern, zwischen den USA und Indien. Natürlich begegnen sich die beiden auch irgendwann, doch bis dahin geschieht noch so einiges andere, und auch danach ist es nicht immer leicht miteinander. Wenn alte kulturelle Normen von Sittsamkeit, Enthaltsamkeit und Ehe wegfallen, aber vielleicht zum Teil noch innerlich nachwirken, und nur stückhaft durch das neue, moderne, westliche Konzept von flexiblen Affären und Beziehungen, in denen alles möglich scheint, ersetzt werden... was hat man dann überhaupt miteinander? Was verbindet einen, wenn überhaupt etwas? Und was macht das mit diesen jungen Menschen?
Es sind viele tiefgründige Themen, die dieses Buch aufwirft:
Es geht um den Preis, den viele junge Menschen zahlen, wenn sie sich durch Wegzug und Studium auch innerlich von den Normen der Herkunftskultur und -familie entfernen und sich gleichzeitig doch nach Zugehörigkeit und Verbundenheit sehnen, aber nicht klar ist, wo diese in ihrem neuen Leben gefunden werden können.
Es geht um ein vielfältiges Indien im Aufbruch, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Familienzusammenhalt und Brüchigkeit, mit einer uralten Kultur, Mystik und einzigartiger Kulinarik, aber auch vielfältigen Problemen in Bereichen wie Soziales, Gesellschaft und Umwelt. Dabei spart die schon lange im Ausland lebende indischstämmige Autorin auch nicht mit Kritik am Subkontinent und zeigt an vielen Beispielen, wie tief Klassismus, Misogynie, Korruption und viele weitere Probleme in der Gesellschaft verankert sind und das tägliche Leben der Menschen prägen.
Es geht außerdem um die ursprünglich so schillernden USA, über viele Jahrzehnte der Traum vieler Menschen aus aller Welt, die nach wie vor viele hoffnungsvolle Studierende aus verschiedensten Ländern anziehen, die dann doch in vielen Bereichen desillusioniert werden und erkennen müssen, dass auch diese Gesellschaft bei weitem nicht so frei und gleich ist, wie sie sich gerne marketingmäßig präsentiert, und die scheinbar unendlichen Möglichkeiten für sie selbst ihre Grenzen haben.
Mir hat es etwa in der Seele weh getan, ausführlich darüber zu lesen, wie wenig berufliche Chancen die so hoffnungsvolle, für ihr Fach brennende und intelligente, aber in Beziehungen unerfahrene und etwas naive Sonia für sich allein in den USA hat und wie anfällig es sie dafür macht, eine sehr toxische Affäre mit einem viel älteren, privilegierten, ausbeuterischen Künstler einzugehen, der ihr erst einmal scheinbar berufliche Möglichkeiten und die damit verbundene Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung verschafft, aber sie sonst ausnützt, demütigt und ihren Selbstwert zerstört. Das war ein Teil des Buches, der nicht einfach für mich auszuhalten war, aber gleichzeitig ebenfalls wichtige Aspekte von Einsamkeit und Benachteiligung aufzeigt.
Ich empfehle, sich für dieses Buch mindestens einen Monat konzentrierte Lesezeit zu nehmen. Das gilt selbst für routinierte Leserinnen und Leser. Das Buch ist in seiner Erzählweise dermaßen dicht und reich an Metaphern und Querverbindungen, dass ein schnelles Lesen kaum möglich ist und dabei viel verloren gehen würde.
Eines der prägenden Bilder, das sich durch das Buch zieht und vielleicht auch als Metapher für die Vielschichtigkeit von Verbundenheit, Emotionen, aber auch Einsamkeit, Entfremdung und Überwältigung stehen könnte, ist das Meer:
"Ich hätte schon vor ewigen Zeiten wiederkommen sollen. Du bist das Meer meiner Kindheit." Er schwamm hinaus, bis die Wasser ganz sanft waren, als würden sie noch schlafen." (S. 383)
"In Arossim gingen sie an den Strand. "Wenn du nach langer Zeit zum ersten Mal wieder schwimmen gehst - näher wirst du dem Glück nicht kommen", sagte Sonia." (S. 403)
"Weil dies unabänderlich ihre letzte Vergnügung war, gingen sie ins Wasser und fanden den Wellengang noch heftiger, als er vom Strand aus gewirkt hatte. Die Brecher waren so hoch, dass sie fast bis an den Grund tauchen mussten, damit sie nicht von ihnen mitgerissen wurden. Sie hatten kaum Zeit zum Auftauchen und Luftholen, bevor schon die nächste Welle herangedonnert kam und sie wieder abtauchen mussten, so tief wie möglich, um der Gefahr zu entkommen." (S. 408)
"Am Horizont berührte der Vollmond das Meer, über den Hügeln ging die Sonne auf, und der Mond verschwand wie ein Geist. Sunny schwamm weit hinaus und sah zu, wie die Sonne die ausgedörrten Hügel in Besitz nahm, hinter dem Dorf, das erst langsam erwachte. Er bat den Gott der Dämonen um Schutz für die Sonne, und bat die Sonne, seine Reise zu segnen." (S. 741)
An den zitierten Stellen zeigt sich auch, wie tief in diesem Buch modernes Denken, Fühlen und Genießen mit uralten religiösen, abergläubischen und mystischen Bezügen verbunden sind. Ich habe hier das Beispiel mit dem Meer gewählt, um zu zeigen, wie dieses Buch diesbezüglich funktioniert.
Es gäbe dazu aber auch unzählige weitere Beispiele mit anderen Metaphern, die sich ebenfalls durch das Buch ziehen und sich geschickt immer wieder in unterschiedlichen Kontexten wiederholen und dabei jeweils spiralförmig tiefere Aspekte eines Themas symbolisch aufzeigen. Um diese zu entdecken und zu entschlüsseln, ist Hintergrundwissen in Bezug auf Symbolik, Archetypen und die indische Kultur hilfreich, außerdem braucht es viel Zeit, um der Tiefgründigkeit dieses Werks den angemessenen Raum zu geben.
Damit ist es auch eines der Werke, bei denen es sich definitiv lohnt, es mehrmals zu lesen, dabei Notizen zu machen und es mit anderen zu diskutieren. Im Anhang finden sich Stammbäume von Sonia und Sunny, diese zu konsultieren lohnt sich für eine Einordnung der vielen vorkommenden Figuren.
Für schnelle, oberflächliche Unterhaltung ohne Anspruch eignet sich dieses Buch definitiv nicht, es verlangt und fordert seinen Raum. Es ist ein Buch mit sehr hohem Anspruch, das viel Konzentration, Zeit und Zuwendung erfordert, aber dafür mit einem sehr vielfältigen, reichhaltigen Leseerlebnis und einer umfassenden, tiefgründigen Annäherung an das Thema Einsamkeit zwischen Menschen und Kulturen in seinen vielfältigen Schattierungen belohnt. Es braucht viel Raum, zeitlich genauso wie emotional, sich auf dieses Buch voll und ganz einzulassen. Dann ist es aber ein besonderes Leseerlebnis, das seinesgleichen sucht, viel Tiefe und Wissen vermittelt, verständnisvoller für Menschen aus ganz anderen Kulturen und Lebenssituationen machen kann, zum Nachdenken anregt und auch nach Beendigung der Lektüre innerlich noch lange in einem verweilen wird.











