Persönliche Lese- tipps
Ina Cassik empfiehlt:
So weit der Fluss uns trägt von Shelley Read
Von Naturgewalten und starken Frauen
Vergleiche mit „Der Gesang der Flusskrebse“ sind immer mit Vorsicht zu genießen. In diesem Fall kann ich dem aber nur zustimmen: Wer von Delia Owens‘ Roman begeistert war, dem wird auch dieser Roman gefallen!
Colorado, 40er Jahre. Die junge Victoria verliebt sich, doch ihre Liebe wird ihr in ihrer von Vorurteilen geprägten Familie zum Verhängnis.
Auf der Flucht vor ihrem Zuhause sucht sie auf sich allein gestellt Schutz in der Natur. Zwischen Überlebenskampf und Selbstermächtigung verwirklicht sie eine unabhängige Existenz.
Eindringliche Naturschilderungen und das unvergleichliche Porträt einer ungewöhnlichen, starken Frau sorgen für ein fesselndes Leseerlebnis. Ein erstklassiger Unterhaltungsroman.
Ina Cassik empfiehlt:
Die Einladung von Emma Cline
Psychologische Hochspannung in den Hamptons
Alex verbringt die Sommertage bei ihrem wohlhabenden Liebhaber in den Hamptons. Nachdem sie einen Schaden an Simons Auto verursacht, den sie zu vertuschen versucht, wird sie aus dem Paradies vertrieben. Die folgenden Tage bis zur geplanten großen Gartenparty, bei der Alex sich Versöhnung erhofft, versucht sie sich auf eigene Faust in der Welt der Reichen und Schönen durchzuschlagen.
Situationselastisch schlüpft sie in verschiedene Rollen und schreckt dabei vor keiner Grenzüberschreitung zurück - bis ihr Leben langsam komplett aus dem Ruder gerät.
Ein unglaublich spannendes Buch, mit einer Antiheldin, die man nicht so schnell vergisst. Der Roman wurde wegen seiner psychologischen Raffinesse zurecht mit Patricia Highsmith’s Ripley-Romanen verglichen. „Unputdownable“, wie man im Englischen sagen würde..
Ina Cassik empfiehlt:
Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe von Doris Knecht
In der Mitte des Lebens – eine Bestandsaufnahme
Eine Frau zieht Bilanz: Die Kinder sind bald aus dem Haus, vom Mann ist sie lange getrennt, es gilt, das Leben neu zu ordnen. Bevor die Ich-Erzählerin ein neues Zuhause finden kann, mistet sie nicht nur ihre Wohnung aus, sondern nimmt auch eine immaterielle Bestandsaufnahme ihres Lebens vor. Erinnerungen, Menschen, Ereignisse werden hervorgeholt und besichtigt.
Ruhig und unaufgeregt, schonungslos, aber auch humorvoll erzählt Doris Knecht entlang ihrer eigenen Biografie von einer Frau in der Mitte des Lebens. Das Protokoll einer Frau, die ohne Zorn zurückblickt und mit ihrem Leben im Reinen ist. Die Lebensklugheit des Buchs hat mich ebenso überzeugt wie die sprachliche Treffsicherheit, die alle Fans von Doris Knecht schätzen und lieben.
Hedwig Khatra empfiehlt:
Die einzige Frau im Raum von Marie Benedict
Hedy Lamarr als Erfinderin
Hedy Lamarr, eine Erfinderin, die wegen ihres Schauspielberufs und Geschlechts nicht ernst genommen wurde.
Früh führte Hedy Kiesler, später Lamarr, angeregte Gespräche mit ihrem Vater über tagespolitische Themen. Später wurde ihr Intellekt von ihrem Ehemann Fritz Mandl, dem Waffenhändler, und dessen Geschäftspartnern wegen ihrer Schönheit und Jugend unterschätzt.
Sie saß neben Gesprächen über Politik, Wirtschaft und deren Vorhaben. Das angeeignete Wissen ließ sie nach ihrer Flucht in die USA nicht los, sie sah sich nach dem Angriff auf Pearl Harbour in der Verantwortung, etwas zu unternehmen. Sie erfand mit Hilfe eines befreundeten Komponisten George Antheil eine Funkfernsteuerung für Torpedos. Die Idee wurde als außerordentlich gepriesen, doch nicht umgesetzt, da sie von einer Frau entwickelt worden war. So dauerte es Jahrzehnte, bis Hedy Lamarr die Anerkennung für ihre Erfindung erhielt. Heute profitieren viele Geräte von der Weiterentwicklung von Hedy Lamarrs Frequenzsprungverfahrens2035.
Eine Leseempfehlung für alle, die Romanbiografien von herausragenden Frauen schätzen und mehr über Hedy Lamarrs Geschichte und ihre Erfindung des Frequenzsprungverfahrens für Torpedos erfahren möchten.
Melanie Winkler empfiehlt:
Happy Place von Emily Henry
Eine zweite Chance für die Liebe?
Was eine schöne Woche am Meer mit ihren engsten Freunden werden sollte, entwickelt sich für Harriet schnell zum Albtraum, denn plötzlich steht ihr Ex-Freund Wyn vor ihr. Alle glauben, dass die beiden nach wie vor schwer verliebt sind, dabei haben sie sich bereits vor sechs Monaten getrennt, ohne es irgendwem zu erzählen.
Nun möchten sie ihren Freunden den gemeinsamen Urlaub (inklusive einer Hochzeit) mit dieser Nachricht nicht verderben. Eine Woche so tun, als ob alles in Ordnung wäre, wie schwer kann das schon sein? Doch nicht nur die Beziehung zwischen Harriet und Wyn ist kompliziert, sondern die ganze Freundesgruppe droht zu zerbrechen. Ist es möglich, dass man sich in verschiedene Richtungen entwickelt und trotzdem an alten Freundschaften festhält?
Die Bestsellerautorin Emily Henry liefert mit Happy Place erneut ein sommerliches Lesevergnügen mit Herz und Humor!
Melanie Winkler empfiehlt:
Love, theoretically von Ali Hazelwood
Unerklärliche Anziehungskräfte in der Welt der Physik
Elsie hat es nicht leicht. Ihr aktueller Job an der Uni bringt ihr kaum Geld ein, weshalb sie ihren Lebensunterhalt als Fake-Date-Begleitung verdient. Besonders die fehlende Krankenversicherung belastet Elsie sehr, da sie an Diabetes leidet. Ihr einziger Lichtblick ist ein Vorstellungsgespräch für ihren Traumjob am MIT, doch ihr Leben gerät richtig ins Wanken, als sie genau dort auf Jack, den Bruder ihres Fake-Freundes, trifft.
Schon von der ersten Begegnung an hat Elsie gespürt, dass Jack sie nicht leiden kann, und nun könnte er ihr Doppelleben auffliegen lassen und ihre einmalige Jobchance ruinieren.
Ali Hazelwoods Bücher haben TikTok im Sturm erobert und auch dieser neue Roman sorgt für beste Unterhaltung. Diese romantische Komödie ist gefüllt mit viel Witz und quirligen Charakteren, aber genauso werden erneut die Schwierigkeiten beleuchtet, mit denen Frauen in den Naturwissenschaften zu kämpfen haben.
Barbara Pritz empfiehlt:
Mord in Sussex von John Bude
Very british - Lesevergnügen für Freunde des guten alten Whodunnit-Krimis
Superintendent Meredith ermittelt im Fall eines ermordeten Farmers: an den Flanken der Kreidefelsen an der englischen Südküste werden Spuren entdeckt, die auf einen Mord hindeuten, aber die Leiche bleibt verschwunden. Nacheinander geraten alle Figuren unter Verdacht, die Lösung des Falles ist aber dann doch noch ungewöhnlicher als sämtliche von Meredith aufgestellten Theorien…
Gefällt mir immer gut: eine gezeichnete Karte mit den Schauplätzen der Ereignisse zum Nachverfolgen und Miträtseln ist auch dabei.
John Bude war ein höchst erfolgreicher Autor und Mitbegründer der British Crime Writers Association, sein Krimi aus dem Jahr 1936 erscheint bei Klett-Cotta zum ersten Mal auf Deutsch.
Barbara Pritz empfiehlt:
If We Were Villains. Wenn aus Freunden Feinde werden von M. L. Rio
Shakespeare, spannend
7 junge Leute studieren Schauspiel am „Dellecher“, einer Kunst-Akademie, untergebracht in einem alten Herrenhaus am See, umgeben von Wald. Sie haben ein Faible für Shakespeare, verwenden in ihren Gesprächen Dialoge aus seinen Stücken und lernen ihre Texte in der alten Bibliothek neben dem Kaminfeuer.
Und auch abseits der Bühne spielen sie bestimmte Rollen, wodurch die Grenzen zwischen Realität und Spiel zunehmend verschwimmen, nicht nur für die Studierenden, sondern auch die Leser*innen.
Als einer der 7 nach der Aufführung von „Julius Caesar“ tot im See treibt, versucht der Ermittler den Ablauf zu rekonstruieren. Die subtilen Spannungen innerhalb der Freundesgruppe wecken seinen Verdacht.
Ein elegant aufgebauter Krimi mit geschickt gestreuten Verdachtsmomenten rund um Freundschaft, Liebe und Hass, der gut verfilmbar wäre. Dialoge aus Stücken des Dramatikers, die zur Situation passen, sind in den Text eingewoben. In dieser doppelbödigen Atmosphäre beschleicht den Ich-Erzähler langsam das Gefühl, seine Freunde nicht wirklich zu kennen und dass er längst nicht alles weiß, was sich in dieser Nacht tatsächlich abgespielt hat...
Die Autorin hat nicht nur einen Master in Shakespeare-Studies, sondern auch Theater-Erfahrung als Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin.
Ina Cassik empfiehlt:
Blue Skies von T. C. Boyle
T.C. Boyle at his best!
Cooper, ein leicht nerdiger Insektenforscher und Klimawarner, und Cat, seine Schwester, eine durchgeknallte Möchtegern-Influencerin mit Hang zu frühen Cocktails und irrationalen Lebensentscheidungen, sind zusammen mit ihrer Mutter Ottilie die Protagonist*innen des fulminanten neuen Romans von T.C. Boyle.
Die wahre Hauptrolle in „Blue Skies“ spielt aber eine außer Rand und Band geratene Natur: Trockenheit, Wasserknappheit, Insektensterben, Überschwemmungen und neue von Tieren übertragene Infektionskrankheiten sind leider keine literarische Fiktion, sondern längst Realität.
Großartiger Plot mit überraschenden Twists, schrägem Personal und klarer Botschaft – alle Fans von T.C. Byole werden begeistert sein!
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren.
Barbara Pritz empfiehlt:
Die Postkarte von Anne Berest
Spannende Familiengeschichte nach einer wahren Begebenheit
Anfang der 2000er Jahre trifft bei der Familie der Autorin eine mysteriöse Postkarte ein, auf der nur vier Namen und die Adresse stehen, Absender unbekannt. Eine Nachricht? Eine Drohung? Alle sind ratlos, die Karte verschwindet im umfangreichen Familienarchiv; es sind die Namen von vier während der Shoah ermordeten Familienmitgliedern.
Jahre später macht sich die Autorin auf die Suche nach dem Absender und rollt - mit Hilfe des Archivs ihrer Mutter, oral history, eines Privatdetektivs, verschiedenen Bekannten – die Geschichte von vier Generationen ihrer Vorfahren auf. Es geht um jüdische Identität und Mut, Resilienz und neue Bedrohungen, Widerstand und Zufälle. Und ganz zuletzt kann sie doch noch die rätselhafte Herkunft der Postkarte klären.
Ein sehr stimmiges und fesselndes Buch mit einem überraschenden Ende, bei dem ich mich jedes Mal aufs Weiterlesen gefreut habe.











