Persönliche Lese- tipps
Ina Cassik empfiehlt:
Fretten von Helena Adler
Eine geballte Ladung Sprachgewalt
Von der Jugend auf dem Land, vom Überwinden der Herkunft und vom Muttersein handelt der neue Roman der Salzburger Autorin Helena Adler. Mit großer Formulierungslust legt sie die zerstörerischen Mechanismen einer provinziellen Gesellschaft bloß und seziert die Zumutungen der menschlichen Existenz.
Als Leser*in taucht man begeistert ein in die Fülle an Wortschöpfungen, Anspielungen, Doppeldeutigkeiten und Sprachspielereien. Meisterhaft konstruiert und dekonstruiert die auch als bildende Künstlerin tätige Autorin ihr Sprachmaterial – Lesegenuss vom Feinsten!
Nominiert für den Österreichischen Buchpreis 2022.
Melanie Winkler empfiehlt:
Aufklärung von Angela Steidele
Das Zeitalter der Aufklärung aus weiblicher Sicht
Leipzig, 18. Jahrhundert: Dorothea Bach, die älteste Tochter des berühmten Komponisten, berichtet aus ihrem alltäglichen Leben rund um die Thomasschule, über intellektuelle Diskussionen, neue Freundschaften und ihre Liebe zur Musik, wie auch über schmerzliche Entbehrungen während des Siebenjährigen Krieges.
Im Mittelpunkt des Romans jedoch steht ihre besondere Freundschaft zu Luise Gottsched, dem gelehrtesten Frauenzimmer ihrer Zeit. Sie eröffnet Doro die Welt der Literatur, Geschichte, Philosophie und der Naturwissenschaften.
Die Herren der Epoche zeigen sich hier nicht immer von ihrer besten Seite, sind dabei aber umso unterhaltsamer: Gottsched als eitler Frauenheld, Gellert als hypochondrischer Wichtigtuer und Lessing als besserwisserischer Aufrührer laden zum Schmunzeln wie zum Kopfschütteln ein.
Mit intelligentem Humor und spürbarer Liebe zum Sujet gelingt Angela Steidele ein historischer Roman der Meisterklasse!
Melanie Winkler empfiehlt:
Nichtmuttersein von Nadine Pungs
Wenn das Persönliche politisch wird
„Kinder sind toll? Mag sein. Ich finde Giraffen auch toll und habe dennoch keine im Garten stehen.“
Einfühlsam und radikal zugleich bringt Nadine Pungs in diesem Buch ihre Gedanken zum Thema Mutterschaft bzw. Nichtmutterschaft auf den Punkt. Anhand von Beispielen aus ihrem persönlichen Umfeld sowie verschiedenen Studien und Forschungsbeiträgen werden die Vor- und Nachteile beider Lebenswege aufgezeigt.
So persönlich die Entscheidung für bzw. gegen ein Kind auch ist, so politisch aufgeladen ist sie auf der anderen Seite – besonders für Frauen. Das zeigt sich allem voran in der Abtreibungsdebatte. Offensichtlich endet die körperliche Selbstbestimmung der Frau mit einer befruchteten Eizelle, denn Abtreibung gilt in Deutschland (und vielen anderen Ländern) weiterhin als Straftat.
Letztendich ist das Buch ein Plädoyer für eine Entscheidungsfreiheit in Reproduktionsfragen, die nicht von gesellschaftlichen und politischen Erwartungen belastet wird.
Melanie Winkler empfiehlt:
Wo die Wölfe sind von Charlotte McConaghy
Ein Buch, das es in sich hat!
Inti Flynn zieht ins ländliche Schottland, um dort ein Projekt zu leiten, das Wölfe in den Highlands wieder ansiedeln will und so zur Renaturierung der Wälder beiträgt. Von Anfang an stößt sie bei den einheimischen Bäuer*innen auf Widerstand, weil sie Angst um ihre Weidetiere haben. Beide Seiten fühlen sich missverstanden, wodurch ein hohes Aggressionspotenzial herrscht.
Als dann plötzlich ein Bauer tot aufgefunden wird, droht die Situation völlig aus dem Ruder zu laufen.
Aber nicht nur die Anwohner*innen machen Inti zu schaffen. Sie ist mit ihrer Schwester auch deshalb nach Schottland gekommen, um nach einem traumatischen Ereignis neu anzufangen. Aber vielleicht wird sie einsehen müssen, dass man manche Dinge nicht einfach hinter sich lassen kann.
Diese Geschichte geht unter die Haut, wenn Inti von ihrer Liebe zur Natur, den Wölfen, aber vor allem zu ihrer Schwester spricht. Der Schmerz und die Brutalität, die die beiden durchmachen mussten, erschüttern tief und man kann das Buch nicht aus der Hand legen!
(Übersetzt von Tanja Handels)
Melanie Winkler empfiehlt:
Quality Time von Miika Nousiainen
Auf der Suche nach Glück braucht man vor allem Humor
Samis größter Wunsch ist es eine tolle Frau kennenzulernen und endlich Vater zu werden. So simpel sein Traum auch sein mag, so schwierig ist seine Umsetzung. Als ob sein Pech in Liebesdingen nicht ausreichen würde, gerät er auch noch in Schwierigkeiten mit einer Bikergang. Samis Schwester Hanna kämpft ebenfalls mit ihrem unerfüllten Kinderwunsch, der zunehmend zur Belastung für Ihre Ehe wird.
Glücklicherweise kann man sich in Blogs wie Quality Time flüchten, um dort das perfekte Leben mit Kinderglück, Yogatrends und Hirsekeksrezepten zu bewundern. Aber letztendlich verbirgt sich hinter diesem heilen Traumbild auch eine ganz normale Frau mit ganz alltäglichen Problemen. Alle Figuren in diesem Buch schließt man sofort ins Herz und drückt ihnen fest die Daumen, dass sie am Ende ihr Glück finden werden.
Die Geschichte ist wunderbar unterhaltsam, lustig und kurzweilig erzählt - ein echter Feelgood-Roman!
(Übersetzt von Elina Kritzokat)
Ina Cassik empfiehlt:
Luftpolster von Lena-Marie Biertimpel
Von Lebenskrisen und dem Weitermachen
Die in Wien lebende Autorin Lena-Marie Biertimpel (geb. 1991) schreibt in ihrem Romandebüt über eine junge Frau, die nach dem Selbstmordversuch ihrer Schwester selbst ins Wanken gerät und sich schließlich in der Psychiatrie einweisen lässt. Ohne Pathos, eindringlich und nicht ohne Humor beschreibt die Autorin den Alltag in der Klinik zwischen verschiedenen Therapieangeboten, Medikamenteneinnahme und Essensausgabe, sowie die Beziehungen der Protagonistin zum Personal, den Angehörigen und verschiedenen Mitpatient*innen.
Die Hintergründe, die zu der seelischen Krise geführt haben, werden im Verlauf der Erzählung schrittweise ausgerollt.
Das Tröstliche an diesem Buch: Es deutet unmissverständlich an, dass es auch nach oder mit einer psychischen Erkrankung Hoffnung auf ein gutes Leben geben kann.
Die sprachliche Souveränität und der spezielle Tonfall, der dem Gegenstand absolut gerecht wird, haben mich an diesem Buch sehr begeistert. Lena-Marie Biertimpel ist schonungslos offen, stellt ihre Figuren aber niemals bloß.
Ein starker Roman, der mich mit seiner hohen literarischen Qualität überzeugt hat, und der dazu beiträgt, psychische Erkrankungen zu enttabuisieren und das Verständnis für Betroffene zu erweitern. Darum wünsche ich dem Buch viele Leser*innen!
Ina Cassik empfiehlt:
Freie Liebe von Tessa Hadley
Ein literarisches Highlight!
England Ende der 1960 er Jahre, Phyllis lebt ein ruhiges und grundsolides Hausfrauenleben in einem beschaulichen Vorort. Doch die Zeiten sind in Aufruhr, die sexuelle Revolution bricht über die Welt herein – und auch über Phyllis, und zwar in Form des um Jahre jüngeren Studenten Nicholas Knight.
Hals über Kopf lässt Phyllis sich auf eine Affäre ein und wirft schließlich ihr gesamtes Leben über Bord.
Phyllis ist kein klassisches Happy End gegönnt; dennoch verfolgt man als Leser*in die Geschichte ihres Aufbruchs, die auch eine Geschichte der Befreiung ist, mit großer Begeisterung und großer Empathie. Durch die Handlungsfäden, die sich um Phyllis‘ Kinder und ihren Mann Roger drehen, wird das Buch zum vielschichtigen Familien- und Gesellschaftsroman.
Große Empfehlung!
Aus dem Englischen übersetzt von Christa Schünke.
Melanie Winkler empfiehlt:
Ein Sommer in Niendorf von Heinz Strunk
Sonne, Strand, Kontrollverlust
Herr Roth möchte drei Monate an der Ostsee verbringen, bevor er seinen neuen Job antritt. Während seines Aufenthalts in Niendorf möchte er ein Buch über seine Familiengeschichte schreiben, inklusive Nazivergangenheit natürlich. Aber das mit dem Schreiben ist nicht so einfach wie gedacht, vor allem weil der Verwalter seiner Ferienwohnung Herrn Roth anscheinend für seinen neuen besten Freund hält und versucht, ihn mit sich in den Abgrund des Alkoholismus zu reißen.
Mit seinem typisch schmerzhaften Humor führt uns Strunk durch die Abwärtsspirale eines einst erfolgreichen Menschen. Wie sich im Laufe des Buches aber herausstellt, ist bei Herrn Roth auch vor dem Niendorfer Sommer schon einiges danebengegangen.
Wer Strunk mag, kommt voll auf seine Kosten. Wer Strunk noch nicht kennt, sollte das mit diesem Buch unbedingt ändern!
Ina Cassik empfiehlt:
Dschinns von Fatma Aydemir
Von Familiendämonen und Rachegeistern
Sein ganzes Leben lang hat Hüseyin Yilmaz für seinen Traum einer Eigentumswohnung in Istanbul geschuftet; bevor er mit seiner Frau Emine dort einziehen kann, erleidet er einen Herzinfarkt.
Für seine Bestattung kommen seine Frau Emine und ihre gemeinsamen Kinder in der Wohnung zusammen; Hüseins Tod wird so zum Ausgangspunkt für die Erzählung der Lebensgeschichten der einzelnen Familienmitglieder zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen Tradition und modernem Lebensstil, zwischen Fremdsein und Assimilation.
Atemlos verfolgt man die einzelnen Fäden dieser Familiengeschichte, die weit zurück in die Vergangenheit führen. Fatma Aydemir schafft dabei das Kunststück, für jede ihrer Figuren, die doch oft miteinander im Konflikt stehen, Sympathie zu erzeugen.
Ein großartig konstruierter, inhaltlich wie sprachlich bemerkenswerter Roman, der den verschiedenen Aspekten migrantischer Erfahrungen und Lebenswelten einen vielstimmigen Ausdruck verleiht. Große Empfehlung!
Hedwig Khatra empfiehlt:
Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau von Phenix Kühnert
Ein wichtiges und einfühlsames Buch aus der Sicht einer trans Frau
Phenix Kühnert bietet in "Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau" einen Einblick in ihr Heranwachsen als trans Frau. Neben persönlichen Erzählungen, die das Verständnis der Thematik bereichern, kommen geschichtliche Ereignisse und Erklärungen nicht zu kurz. Sie thematisiert beispielsweise, dass dringend Handlungsbedarf im Umgang mit trans und inter Menschen im Leistungssport besteht.
Ein Buch, das nicht nur für Neulinge queerer Literatur wertvolle Einblicke bietet, sondern auch als weiterführende Literatur geeignet ist. Kühnert beschreibt ihren Weg der Identitätsfindung von einer männlichen gelesenen Person bis hin zur geschlechtsangleichenden Veränderung zur Frau.
Als Lesende fieberte ich mit, freute mich, wenn sie über Allies (unterstützende Personen) in ihrem Umfeld berichtete und fühlte die Enttäuschung und Traurigkeit bei Schilderungen der offenen Anfeindung und Ungerechtigkeit gegenüber trans Personen.
Ganz klare Leseempfehlung, nicht nur während des Pridemonths.











