Persönliche Lese- tipps
Robert Renk empfiehlt:
Tell von Joachim B. Schmidt
Die Tell-Saga als literarischer Pageturner
Mit Schweizer Gemütlichkeit hat dieser Roman nichts zu tun. Mit einem Affentempo legt Schmidt, der Schweizer Autor, der in Island wohnt, hier die Tell-Saga als literarischen Pageturner vor. Auch nordische Mythen suchen sich ihren Platz in der Zentralschweiz. In beinahe 100 schnellen Sequenzen jagen 20 verschiedene Protagonisten wie auf einer Lunte dem explosiven Showdown entgegen.
Das ganze noch garniert mit einem Hauch Frau Hitt. Dass das ein Erfolg wird, steht in Stein gemeißelt.
Ina Cassik empfiehlt:
Wilderer von Reinhard Kaiser-Mühlecker
Packend und dramatisch: Vom heutigen Leben auf dem Land
Eine erzählerische und inhaltliche Wucht ist der neue Roman von Kaiser-Mühlecker, der sich zurecht als Chronist des modernen Landlebens versteht.
Jakob, Erbe des elterlichen Hofs und eigentlich ein verschlossener Einzelgänger, lernt unverhofft Katja kennen, mit der er einen Sohn bekommt und die den Betrieb binnen kürzester Zeit zu Ansehen und Erfolg bringt.
Doch hinter dem äußeren Schein brodelt es: Bei Jakob schleicht sich Misstrauen über Katjas Motive ein, und auch Jakob selbst scheint dieses Leben nur leben zu können, indem er sein wahres Naturell beharrlich unterdrücken muss.
Die unterschwellige unheimliche Atmosphäre und die faszinierende Gedankenwelt des Protagonisten erschaffen einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Ein atmosphärisch dichter Roman über Identität, Herkunft und die menschliche Natur, der fulminant endet und einen lange nicht mehr loslässt.
»Ich sehe es wirklich als eine Art Verpflichtung an, die Welt, die ich kenne, darzustellen, also erfahrbar zu machen – einem, der sie nicht kennt.« Reinhard Kaiser-Mühlecker
Ina Cassik empfiehlt:
Meter pro Sekunde von Stine Pilgaard
Der Bestseller aus Dänemark- warmherzig und komisch
Was für ein Buch!!
Eine junge Frau landet mit Mann und Kind in Westjütland, was man sich vielleicht so vorstellen kann wie das dänische Waldviertel: viel Natur, schweigsame Menschen.
Mit ihrer verbalen Direktheit muss sie sich in der Dorfgemeinschaft erst zurechtfinden, die Erschütterungen des Lebens mit einem Säugling müssen verdaut werden - und dann ist da noch der Führerschein, der nach 89 absolvierten Fahrstunden endlich bestanden werden will.
Ihre Briefe für den Kummerkasten der örtlichen Zeitung werden bald zum Kult und öffnen ihr den Zugang zu ihren Mitmenschen und zu sich selbst.
Ein herzerwärmendes Buch mit einer Protagonistin, die man einfach ins Herz schließen muss. Die Kummerkastenbriefe sind ein großes Vergnügen für sich, die Dialoge mit den einsilbigen Vellingern und die Szenen mit den Fahrstunden sind unvergleichlich komisch.
Wunderbar übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel.
Ein ganz besonderes Buch, das wir allen wärmstens empfehlen möchten!
Ina Cassik empfiehlt:
Gesichter von Tove Ditlevsen
Die Wiederentdeckung einer Klassikerin
Lise Mundus hört Stimmen, hat Wahnvorstellungen und kann den Gesichtern, die sie sieht, nicht mehr trauen. Ein Suizidversuch bringt sie in eine psychiatrische Anstalt.
Ein faszinierender und erschütternder Roman aus der Innensicht einer psychotisch erkrankten Frau. Als Leser*in weiß man ebenso wenig, welcher Wahrnehmung noch zu trauen ist, wie die Protagonistin.
Tove Ditlevsens Buch aus dem Jahr 1968 lotet die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit aus und hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Das Ja zum Leben führt im Roman über die Selbstbehauptung als Schriftstellerin, ein Weg, den die eben weltweit wiederentdeckte Kultautorin auch selbst zu wählen versuchte.
Wunderbar ins Deutsche übertragen von Ursel Allenstein.
Ina Cassik empfiehlt:
Zusammenkunft von Natasha Brown
Das Debüt des Jahres aus England
Zeit ihres Lebens hat die namenlose Protagonistin, schwarz und aus bescheidenen sozialen Verhältnissen, gekämpft, um dorthin zu kommen, wo sie jetzt ist: in einer hochdotierten Position im Londoner Finanzwesen. Am Ziel angelangt, muss sie feststellen, dass sie niemals dazugehören wird. Sie wird krank, so wie das Gesellschaftssystem, in dem sie lebt.
Anhand der Geschichte ihrer Protagonistin hat Natasha Brown eine erschütternde Analyse der englischen Klassengesellschaft und eine verdichtete Geschichte des britischen Kolonialismus geschrieben. Das Leben sozial Benachteiligter wird überzeugend als lebenslanger Kampf präsentiert, der letztendlich nicht gewonnen werden kann. Dieser schonungslose Roman voller gesellschaftspolitischer Sprengkraft wurde 2021 in England zurecht als das beste literarische Debüt gefeiert.
Aus dem Englischen von Jackie Thomae.
Ina Cassik empfiehlt:
Die Überlebenden von Alex Schulman
Schmerzlich und berührend: Was Familien zusammenhält
Drei Brüder treffen einander im Sommerhaus ihrer Kindheit wieder, um die Asche ihrer Mutter im See zu verstreuen. Die Mutter hat vor ihrem Tod einen Brief hinterlassen, in dem sie ihre Kinder auffordert, endlich miteinander zu reden und sich der Vergangenheit zu stellen - obwohl oder gerade weil sie selbst Zeit ihres Lebens geschwiegen hat.
So treten die drei Männer eine Reise in ihre Vergangenheit an, die sie zu einem einschneidenden Erlebnis zurückführt, das ihr Leben für immer prägen sollte.
Ein bewegender, kunstvoll komponierter Roman über Liebe und Gewalt, Schuld und Verzeihen, der in 31 Ländern Furore machte.
Aus dem Schwedischen von Hanna Granz.
Ina Cassik empfiehlt:
Das Vorkommnis von Julia Schoch
Von den Wendepunkten des Lebens
Bei einer Lesung stellt sich der Schriftstellerin Julia Schoch eine Frau vor, die angibt, denselben Vater zu haben. Die Ich-Erzählerin dieses autofiktionalen Romans spürt diesem „Vorkommnis“ literarisch nach: Welches Licht wirft das Auftauchen dieser Frau auf ihre Mutter, ihre Kindheit und die Beziehung zu ihrer leiblichen Schwester? Können wir unseren Erinnerungen und Wahrnehmungen trauen, oder muss nun die ganze Wirklichkeit als nur scheinbar betrachtet werden?
Ein klarsichtiger und präziser Roman über das Erinnern und über jene Wendepunkte, die eine völlig neue Sicht auf das eigene Leben bewirken.
Maria Leitner empfiehlt:
Vergissmeinnicht - Was man bei Licht nicht sehen kann von Kerstin Gier
Vergissmeinnicht
Endlich wieder eine neue
fantastische Welt aus der Feder
von Kerstin Gier! Quinn und
Matilda könnten nicht unterschiedlicher
sein. Er ist cool,
beliebt und sportlich, sie liest
am liebsten Fantasyromane
und ist eigentlich ziemlich unscheinbar.
Doch als Quinn eines
Nachts Dinge sieht, die nicht
von dieser Welt sein können,
findet er ausgerechnet in Matilda
eine unerwartete Verbündete.
Gemeinsam stolpern die beiden
in ein gefährliches magisches
Abenteuer, mit dem keiner von
ihnen gerechnet hat!
Die Erinnerten von Andreas Pavlic
Die Erinnerten
Vorurteile prägen den Blick
von außen auf Tirol: Berge,
Seilbahn, Tourismuswerbung
und eine gewisse Ruppigkeit im
zwischenmenschlichen Umgang.
Andreas Pavlic stellt dem
ein exzellent recherchiertes
Stück Erinnerungsliteratur
entgegen. 1932 kommt es zur
Höttinger Saalschlacht, einer
Massenschlägerei zwischen
Nationalsozialist*innen und
Sozialist*innen.
Dort lernen
sich Annemarie und Johann
kennen und wir begleiten sie
durch harte Jahre, geprägt von
(Austro-)Faschismus und Krieg
bis ins Jahr 1945.
Steine schmeißen von Sophia Fritz
Steine schmeißen
Eine Silvesternacht in Wien.
Anna ist erst vor kurzem mit
Alex nach Wien gezogen.
Alex die Jugendliebe, Alex
mit dem sie Hochzeitsplänen
geschmiedet hatte, Alex der
einen Cut gebraucht hatte.
Davon, dass die Beziehung in
die Brüche gegangen ist, es wohl
keine Traumhochzeit geben
wird, darüber bewahrt Anna
Stillschweigen.
Zwiebelhaut
um Zwiebelhaut seziert Sophia
Fritz die Hürden des Menschseins,
erschüttert wird die
drogendurchzechte Silvesterfeier
vom Erscheinen eines
ungebetenen Gastes. Ein
großartiges Kammerspiel!











