Persönliche Lese- tipps
Der Sprung von Simone Lappert
Der Sprung
Was in Beat-Büchern der Whiskey, ist in „Der Sprung“ Limonade. Der traumatisierte Cop, die Superheldinnen zeichnende Teenagerin, der drahtige Fahrradbote – alle laben sich an Limonade, vermutlich weil ihnen das Leben gerade unterschiedlich saure Zitronen gibt. Thalbach ist eine Wohlstandshölle.
Wenn die Schwiegermutter kein Enkelchen kriegt, gibt’s kein Sommerhaus auf Usedom. Sommerhaus später heute, denkt sich die Generationen-Romane-geschulte LeserIn und holt sich eine Limo aus dem SMEG-Kühlschrank.
Die Frau ohne Grab von Martin Pollack
Die Frau ohne Grab
Die Vergangenheit gibt nicht alles preis, doch was es über sie zu entdecken gibt, bringt Martin Pollack ans Tageslicht. Wie die Geschichte seiner Großtante Pauline, der Deutsch-Slowenin Pavla Drolc, die, ihr Leben lang unbescholten und im Gegensatz zu ihren Brüdern nicht der Nazi-Ideologie verfallen, 1945 in slowenischer Gefangenschaft im Schloss Hrastovec bei Maribor stirbt.
Ein Meisterwerk dokumentarischer Prosa, ein großes Stück Erinnerungsliteratur, das exemplarisch ein einzelnes Schicksal in den Geschichtswirren an einem Grenzort schildert.
Am Tag davor von Chalandon Sorj
Am Tag davor
Michel kehrt zurück in seine nordfranzösische Heimat, wo sich vor 40 Jahren eine Bergwerkskatastrophe ereignete: 42 Kumpel starben hier 1974, darunter Joseph, Michels älterer Bruder. Er ist gekommen, um endlich Rache zu nehmen, an den Verantwortlichen, die nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Dichten heißt in diesem Buch Gerichtstag halten.
Chalandon tut dies mit empathischer Leidenschaft und kühler Reflexion zugleich: politisch engagiert, literarisch fesselnd.
Robert Renk empfiehlt:
Der Ursprung der Welt von Ulrich Tukur
Der Ursprung der Welt
Einen wirklich überzeugenden, einen literarischen und spannenden Roman legt Schauspieler Ulrich Tukur vor. Während den Dreharbeiten zu seinem Film »Seraphine« stieß er auf ein altes Fotoalbum, das ihn zu diesem Roman inspirierte. Es ist vielleicht kein Zufall, dass Tukurs Frau Fotografin ist! Im Roman geht es um Paul Goullet, der in Paris auf ein seltsames Fotoalbum stößt.
Er erkennt sich selbst in den Fotos, nur: die Fotos sind aus den 20ern. Lesenswert und spannend, wie sich das auflöst!
Washington Black von Edugyan Esi
Washington Black
George Washington Black, genannt Wash, wird als Versklavter auf Barbados geboren. Der brutalen Gewalt und Ausbeutung auf einer Zuckerrohrplantage entflieht er gemeinsam mit dem Abolitionisten Titch auf einem Heißluftballon, bevor es Wash über die Arktis Kanadas nach London und weiter verschlägt. Dieses vielfach preisgekröntes Lieblingsbuch von Barack Obama ist eine berührende Reflexion zu Freiheit und Freundschaft unter Ungleichen und liegt nun endlich in der Übersetzung von Anabelle Assaf vor.
Aus der Dunkelheit strahlendes Licht von Petina Gappah
Aus der Dunkelheit strahlendes Licht
Der schottische Afrikaforscher David Livingstone hat eine Vision: Er will den Ursprung des Nils entdecken. Drei mehrjährige Reisen unternimmt er und stirbt schließlich 1873 in Bangweulu. Seine 69 Lastenträger und DienerInnen tragen seinen Leichnam quer durch Afrika bis in die 1.500 Meilen entfernte Küstenstadt Bagamoyo.
Diese Reise ist die abenteuerlichste, dauert 285 Tage, kostet 10 Menschen das Leben und wird von Petina Gappah (geboren in Simbabwe, studiert in Cambridge und Graz) extrem kundig und fesselnd erzählt. Beeindruckend.
Robert Renk empfiehlt:
Kurze Anleitung zur Rettung der Erde Wofür wir heute kämpfen müssen von Dion Cyril
Kurze Anleitung zur Rettung der Erde
Cyril Dion kennt man eventuell von seinem Dokumentarfilm »Tomorrow - Die Welt ist voller Lösungen« (2015). Nun legt er ein Handbuch für ein umweltverträgliches und erfüllendes Leben vor. Darin enthalten sind u.a. viele Vorschläge für kleine Taten die man im Kollektiv oder als Einzelner umsetzen kann, um dem Klimawandel und Artensterben entgegenzuwirken.
Auch was auf politischer Ebene passieren sollte zeigt der Schriftsteller, Regisseur und Aktivist auf.
Ein Jahr voller Wunder von Clemency Burton-Hill
Ein Jahr voller Wunder
Sie suchen das perfekte Buch für Liebhaber*innen klassischer Musik oder solchen, die es noch werden wollen? Hier ist es! Eine Playlist in Buchform. Die renommierte Geigerin und beliebte Moderatorin Clemency Burton-Hill hat ihre Lieblingsstücke zu einem persönlicher Musikführer in Kalenderform zusammengestellt.
In Tagesportionen abgepackt teilt sie Hintergrundwissen über bekannte wie unbekannte Musikstücke, die sich spätestens nach der Lektüre in unsere Herzen einspielen.
Solenoid von Mircea Cartarescu
Solenoid
Eine ausgehebelte Autobiografie. Der Lehrer, der es nie zum Autorentum geschafft hat und auf sein Leben und Scheitern zurückblickt, beginnt nach dem Kauf eines Hauses in einem verruchten Viertel eine verrückte Reise. Darin spielt der Solenoid, eine Art riesige Magnetspule, eine wichtige Rolle, die sich im Keller befindet.
Das außergewöhnliche daran: Sie funktioniert umgekehrt und hebt alles, das in ihre Nähe gerät in die Höhe. Mircea Cărtărescus Schreibstil erinnert an Borges, Cortázar oder Kafka – an die ganz Großen der Weltliteratur.
Robert Renk empfiehlt:
Der zweite Schlaf Roman. Gebunden. von Harris Robert
Der zweite Schlaf
England ist nach einer lange zurückliegenden Katastrophe in einem erbärmlichen Zustand. Der junge Priester Fairfax wird vom Bischof in ein Dorf entsandt, um dort das Begräbnis des mysteriös verstorbenen Pfarrers zu regeln. In der Umgebung finden sich besonders häufig jene verbotenen Artefakte aus vergangener Zeit - Münzen, Scherben, Plastikspielzeug -, die der Pfarrer akribisch gesammelt hat.
Hat diese ketzerische Leidenschaft zu seinem Tod geführt? Harris gibt sich dystopisch, erzählt aber klar auch vom Hier & Jetzt.











