Persönliche Lese- tipps
Tiefschwarz zu unsichtbar von Isabella Feimer
Tiefschwarz zu unsichtbar
Wie verhält sich „tiefschwarz“ zu „unsichtbar“? Isabella Feimer durchwandert in ihren Gedichten das Unfassbare: „Seele ist […] auch nur ein kleiner Fisch in einem viel zu großen Aquarium“, heißt es in einem der Gedichtzyklen, die um Kindheit, Liebe und Tod kreisen. Das Gefühl des Verlusts wird im Privaten wie im Politischen erkundet.
Das Gedicht „Ich bin Europa“ z.B. ist eine scharfsinnige Betrachtung der europäischen Seele. Im tiefen Schwarz liegen viele Farben – davon erzählen diese Gedichte.
Alles außer Lyrik von Christian Futscher
Alles außer Lyrik
A
lles außer Lyrik ist Irrsinn. Diesen Satz des Avantgarde-Dichter Andreas Okopenko stellt Christian Futscher seinem Lyrikband voran. Der Wahnsinn des täglichen Lebens kann ja genauso gut im Gedicht stattfinden. In wenigen Zeilen, mit viel Witz und Sinn für das Absurde bringt der Poet die Dinge auf den Punkt und führt vor, wie selbst das Unpoetischste zur Poesie werden kann: Ein Ort namens Bümpliz, ein fluchendes Knie, ein Hosenkauf – man irrt nicht, wenn man sich für diese Lyrik entscheidet!
Und die Häuser fallen nicht um von Garzetti Sascha
Und die Häuser fallen nicht um
Die Natur, den Tod, die Nacht, und vor allem das Leben mit einem Du schreibt Sascha Garzetti in seinen neuesten Band ein. Seine Zeilen fallen nicht nur, wie der Schnee in seinen Gedichten der „Landschaft auf den Mund“ (S.11), sondern seine Mundvokabeln fallen direkt ins Gespür und werden dann vom Herzmuskel heraus buchstabiert.
So möchte man nach dem Lesen in Anlehnung an den ersten Gedichtzyklus sagen: Vielleicht kann, wenn wir (seine) Lyrik lesen, etwas aus uns werden. Lese- und Fühlempfehlung!
nur einmal fliegenpilz zum frühstück von Katharina J. Ferner
nur einmal fliegenpilz zum frühstück
Erregend zärtlich. Im Augenschein Atem erkundend. Im Blick 1 Zuhören. Gedichte aus dem filigran webenden Echo der Weltenschöpfungen Katharina J. Ferners. Ein Lyrikband, der mindestens zweisprachig ist. Erlauben Sie mir, dass ich Dialekte auch als Sprachen bezeichne. Das liegt an ihren jeweiligen Seins-Formen, die sich poetisch bew:orten.
Ferner streichelt das Leben wie seine Komplizin. Verse im ahnenden Wissen um die Sehnsucht, die es anzunehmen gilt: wider alle Wortverkrustungen.
Maria Leitner empfiehlt:
The Belles - Schönheit regiert von Dhonielle Clayton
The Belles
In Orléans ist Schönheit alles - und nur die Belles haben die Macht, sie den Menschen zu verleihen. Nachdem sie jahrelang dafür trainiert hat, ist Camelia endlich bereit, ihren Dienst als Belle anzutreten. Doch sie muss bald feststellen, dass sich hinter den sorgsam gepflegten Fassaden des Königreichs Schrecklickes verbirgt.
Der Beginn dieser spannenden Reihe hinterfragt den allgegenwärtigen Schönheitswahn und ist gleichermaßen zuckersüß und dunkel.
Lyrischer Wille von Dhonielle Clayton
Lyrischer Wille
55 AutorInnen, im Raum Südtirol sozialisiert oder hier lebend, beteiligen sich am multilingualen Übersetzungsprojekt, in dem ein Ausgangstext in eine zweite, dieser dann in eine nächste Sprache übersetzt wird und so weiter: Deutsch, Albanisch, Ladinisch, Italienisch, Persisch, Südtiroler Dialekt, Neapolitanischer Dialekt, Arabisch, Englisch - so vielfältig wie die Gesellschaft im überschaubaren Raum Südtirol sind auch die daraus entstandenen poetischen Kettengedichte.
Eingesperrte Vögel singen mehr von Michelle Steinbeck
Eingesperrte Vögel singen mehr
Selten hat das Lesen von Gedichten so viel Spaß gemacht. Beobachtungswitz und Sprachgabe oder besser Sprachlust erwartet einen hier! Erfrischend, zynisch, frech und frei heraus erzählt. Genussvoll gedichtet und geträumt. Zum Weiterdenken, Weiterlachen. Ein selbstbewusster Spaziergang durch Hoch- und Tiefstimmungen.
Schwungvolle Abhandlungen von Liebes- und Alltäglichkeiten. Würde man Michelle Steinbeck nach ihren Abendplänen fragen, würde sie vermutlich antworten: eine poetische Welteroberung.
Engel der Illusion von Christian Uetz
Engel der Illusion
„Ich trinke dich in mich / zurück“ (S.12), heißt es gleich zu Beginn und damit hat sich Christian Uetz schon eingeschrieben in den Sprachfühlmuskel. Mit neologismenreicher Worttrance umgarnt er die Lesenden, egal ob seine Wörter gerade einen mystischen Gott, eine engelsgleiche Angebetete, sein Kind, die eigene Poesie oder doch alles gleichzeitig in seinen Zeilen besingen.
„Das ist / so göttlich der Wahnsinn“ (S.104). Wer diesen Band nicht liebt, ist ein lyrischer Banause! Jerry Maguire würde vielleicht schreiben: You had me at your first verse!
Robert Renk empfiehlt:
Asado von Adi Bittermann; Leo Gradl; Jürgen Kernegger
Asado - Ursprünglich Grillen über offenem Feuer
Das Asado-Grillbuch zeigt die südamerikanische Art des Grillens über offenem Feuer. Maßgebliche Beiträge kommen aber aus Tirol, u.a. von Franz Größing vom Verein Grill-ABC und von Leo Gradl („Leos Grillschule“). Komplettiert wird das Quartet von Adi Bittermann und Jürgen Kernegger. Nicht nur Fleisch und Fisch kann man gut über Feuer zubereiten, nein auch Pancakes oder Obstküchlein.
Abgesehen davon ist es anregend atmosphärisch, am Lagerfeuer zusammen zu sitzen. Grillen über offenem Feuer ist knisterndes Abenteuer.
Robert Renk empfiehlt:
GRM von Sibylle Berg
GRM
„Es war die Zeit, in der zur realen Grausamkeit der Menschen noch die virtuelle hinzugefu?gt wurde.“ Bumm, der Satz sitzt. Und gibt die Richtung dieses opulenten und blitzgescheiten Romanes vor. Vier Kinder, die sich im vom Neoliberalismus zerfressenen England gegen das System auflehnen. Eine krasse Mischung zwischen Charles Dickens, Brave New World und American Psycho.
Eine Abrechnung mit YouTube, Castingshows und Konsumzwang. Ein hellsichtiges Pamphlet in Romanform. Grandios!











