Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Arambol:
Restsommer von Kea von Garnier
Waldmeister im Kopf
„Mit dem Tod kenne ich mich aus, aber vom Leben habe ich keine Ahnung.“
Der Roman „Restsommer“ spielt nicht in der Gegenwart, und tatsächlich musste ich zunächst rätseln, in welcher Zeit er wohl handeln könnte. Es gibt nur einige vage Andeutungen: ein Endspiel Deutschland gegen Brasilien, der Film Terminator 3 scheint aktuell zu sein, als Handy ist ein Blackberry ganz weit vorne, und ICQ ist offensichtlich als Social-Media-Plattform total angesagt.
Mit diesen Informationen lässt sich der Zeitraum der Handlung grob eingrenzen – offenbar befinden wir uns Anfang der 2000er-Jahre.
So wird dann auch manche nicht ganz zeitgemäß erscheinende Einstellung eher verständlich. Vielleicht wollte die Autorin die Zeitebene ja ganz bewusst nicht frühzeitig klären. Mir persönlich hätte eine frühere Einordnung den Einstieg und die Orientierung jedoch immens erleichtert.
Worum geht es?
Der 16-jährige Dominik wächst bei seinem alleinerziehenden Vater auf, der ein Bestattungsinstitut führt, das Dominik später übernehmen soll. Sein Leben verändert sich abrupt, als er den sehr selbstbewussten Mitschüler Biff kennenlernt. Durch die Freundschaft und die intensiven Gefühle für Biff beginnt Dominik, sein bisheriges Leben und die Erwartungen seines Vaters zu hinterfragen. Der Sommer wird für ihn zu einer Zeit der Selbstfindung, in der er seinen eigenen Weg und seine Identität entdecken muss.
„Restsommer“ erzählt eindringlich vom Erwachsenwerden, von Erwartungen und von dem schwierigen Prozess, den eigenen Weg zu finden. Besonders gelungen ist dabei die ruhige und unaufgeregte Art, mit der Dominiks Entwicklung geschildert wird. Seine Gedanken und Gefühle wirken durchgehend authentisch und nachvollziehbar. Seine Unsicherheit, seine Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben und sein innerer Konflikt sind glaubwürdig dargestellt. Er steht zwischen der Erwartung, den Weg seines Vaters fortzuführen, und dem Wunsch, sich davon zu lösen und eigene Entscheidungen zu treffen. Diese Zerrissenheit belastet nicht nur sein Verhältnis zu seinem Vater, sondern immer stärker auch seine Beziehungen zu seinen Freunden.
Kea von Garnier hat eine unglaublich empathische Art, mit ihren Figuren mitzufühlen.
Vom Gefühl her hat mich „Restsommer“ stark an Coming-of-Age-Romane wie „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf und „Klapper“ von Kurt Prödel erinnert. Wie in diesen Büchern geht es weniger um eine äußere Handlung als um innere Veränderung. Man kommt den Figuren sehr nahe und fühlt sich stellenweise an die eigene Jugend erinnert.
Der Schreibstil ist klar, flüssig und zugleich stimmungsvoll. Die Geschichte wirkt nie zu konstruiert.
Ein kleiner Kritikpunkt ist, dass manche Entwicklungen wohl bewusst offen bleiben; hier hätte ich mir stellenweise mehr Klarheit und auch mehr Konsequenz gewünscht.
„Restsommer“ ist ein eindringlicher und authentischer Roman über das Erwachsenwerden und den Mut, einen eigenen Weg zu suchen.
Leseempfehlung: ein toller Debütroman von Kea von Garnier.
Rezensionen von jori1020:
Einstein im Bade von Daniel Mellem
Ein Hotel, zwei Physiker und ein großer Plan
Ein kluges, witziges und überraschend zugängliches Buch, das auch ohne besonderes Interesse an Physik großen Spaß macht. Es weckt nicht nur Neugier auf das eine oder andere physikalische Phänomen, sondern regt auch zum Nachdenken über Zeit, Wissenschaft und deren Vereinnahmung durch menschenverachtende Ideologien, nationalistischen Wahn und Ignoranz an.
Dieses Kunststück gelingt Daniel Mellem vor allem durch seinen wunderbaren Protagonisten: den liebenswerten Hoteldirektor Kleeberger. Dieser versucht, seinem in die Jahre gekommenen Hotel zu neuem Glanz zu verhelfen, indem er während der in Bad Nauheim stattfindenden Physikerkonferenz 1920 die beiden erbitterten Kontrahenten Albert Einstein und Philipp Lenard zu einer symbolischen Versöhnung in seinem Hotel bewegen will. Ein herrlich aberwitziger Plan, der natürlich voller Hindernisse steckt und nur mithilfe der ebenso liebenswerten Hotelangestellten und einer schillernden Hotelgästin überhaupt eine Chance hat, zu gelingen.
Besonders in Erinnerung bleibt das Buch durch seine Sprache und seine Figuren. Die Erzählung ist stilistisch an die 1920er Jahre angelehnt und transportiert die Leser*innen unmittelbar in diese Zeit, wodurch eine dichte, besondere Atmosphäre entsteht. Die Figuren wachsen einem schnell ans Herz, und man hofft bis zuletzt, dass am Ende alles gut ausgeht – sowohl für den Ausgang des Schlichtungsgesprächs als auch für das Hotel selbst.
Ein warmherziger, intelligenter Roman voller Charme, Humor und kluger Gedanken.
Rezensionen von Anno:
Körperquatsch mit Soße von Johanna Klement
Wahr oder gelogen?
Dieses Buch räumt mit Mythen auf, die rund um den Körper existieren. Geschrieben ist es extra für Kids, wobei auch Erwachsene darin bestimmt noch die ein oder andere beeindruckende Info entdecken werden.
Ich find es ehrlich gesagt klasse, dass ein solches Buch existiert und Kinder über den ganzen Quatsch aufgeklärt, was ihnen so vor den Latz geknallt wird.
Klar, ist es einfacher für Erwachsene auf solche Mythen zurückzugreifen, aber seien wir doch mal ehrlich- manche sind wirklich an den Haaren herbeigezogen. Und andere werden überliefert und noch immer geglaubt ohne, dass sie jemals hinterfragt werden. Aber warum eigentlich? Welchen Nutzen hat so etwas noch? Oder ist das alles nicht schon längst überholt?
Ich find es jedenfalls spannend zu erfahren was hinter diesen Sprüchen wirklich steckt und ob nicht doch in dem einen oder anderen ein Fünkchen Wahrheit verborgen sein könnte. Irgendeinem Grund für deren Existenz muss es doch geben. Oder etwa nicht? Meine Kids und ich habe daher mit großer Begeisterung dieses Buch durchforstet und sind auf interessante Erklärungen gestoßen. Erklärungen, die Kids ne Menge Wissen vermitteln und zugleich jede Menge Spaß bereiten. Der angeschlagene Ton im Buch ist nämlich recht humorvoll, was aber nicht auf Kosten der gut recherchierten Fakten geht, dafür aber Kids ungeheuer in den Bann zieht. Die witzigen Illustrationen und die kleinen Mitmachaktionen tun dann noch ihr übriges dazu. Ob Schielanleitung, Geräusch-Infografik, Pinocchiometer oder Teller-Wetter-Vorhersage. Da sind die Kids auch noch über das Lesen hinaus noch gut beschäftigt. Und ich finde es toll! Toll, dass meine Kids mit so viel Spaß Neues lernen und jetzt auch entsprechend schlagfertig auf solche Mythen reagieren können.
Rezensionen von Anno:
1177 v. Chr. - Eine Graphic Novel von Eric H. Cline
Durchhaltevermögen wird belohnt
Dieses Buch beschäftigt sich mit einem recht komplexen Teil Geschichte, das mehrere Völker, noch mehr fremd klingende Namen und haufenweise Daten umfasst. Dass damals bereits existente Städte auch noch anders hießen und uns bekannte Begriffe und Namen hier in abgewandelter, ursprünglicherer Form wiedergegeben werden, macht das Ganze natürlich nicht gerade einfacher.
Auch wenn das vermutlich auch zeigt, wie gut recherchiert das alles ist, hätte ich doch fast verzweifelt aufgegeben. Aber nach den ersten 100 Seiten wird es deutlich besser. Versprochen. Also bleibt dran. Es lohnt sich. Irgendwann lichtete sich der Nebel und man merkt mehr und mehr, dass doch einiges hängen blieb.
Ein großer Vorteil bei diesem Werk ist für mich die abwechslungsreiche Bebilderung, die die Zeit wunderbar wiedergibt, gleichzeitig aber bleibt bei diesem Format auch verhältnismäßig wenig Platz für Erklärungen. Gelöst wurde das hier durch die junge Ägypterin Schescha, die dem von den Seevölkern abstammenden Pel von ihrer gemeinsamen Geschichte erzählt. Beide verfolgen die Handlung beobachtend mit, wobei Schescha die Informationen liefert und auch im Dialog mit Pel die Geschehnisse nachvollzieht. Der daraus resultierende Ton im Buch ist persönlich und sehr interessant. Vielleicht auch, weil zusätzlich auch immer wieder der Autor und die Comiczeichnerin neuzeitliche Erklärungen beisteuern und die historischen Handlungen auflockern.
Trotz der wunderbaren Illustrationen kann ich dieses Buch Kindern aber eher nicht empfehlen- dafür ist es einfach zu komplex und schwierig. Am besten wäre es sogar, man hätte als Leser schon vorab von der ein oder anderen Begebenheit gehört. Ist man aber einmal drin in der Handlung, so wird Geschichte plötzlich greifbarer.
Rezensionen von gerlisch:
To Cage a Wild Bird von Brooke Fast
Kampf ums Überleben
Brooke Fast entführt uns in eine brutale, gnadenlose Dystopie. Es geht um die Raven, Kopfgeldjägerin und Überlebenskünstlerin. Nachdem sie in Dividium gegen das Gesetz verstoßen hat, wird sie in die Haftanstalt Endlock eingeliefert, dort muss sie ums nackte Überleben kämpfen. Als sie dem undurchschaubaren Wärter Vale begegnet, entwickeln sich bereits nach kurzer Zeit Gefühle auf beiden Seiten.
Die Geschichte verbindet Freundschaft und Mut mit unerbittlicher Korruption und tödlicher Gefahr. Das Worldbuilding ist sehr atmosphärisch, düster und unglaublich bildhaft. Besonders Ravens Perspektive macht die Story emotional greifbar, man fühlt jede Entscheidung, jede Gefahr, jede Verletzung, ich habe es so mit ihr gefühlt. Der Schreibstil ist fesselnd, die Charaktere sind stark gezeichnet, und der Slow Burn fügt sich wunderbar in die Handlung ein, auch wenn ich mir an manchen Stellen noch etwas mehr Emotionen gewünscht hätte.
Bei einigen Kampfszenen fiel es mir schwer, mir die Abläufe genau vorzustellen, deshalb hat es leider nicht ganz für die vollen fünf Sterne für dieses beeindruckendes Debüt gereicht. Diese Story hat mich überrascht und nicht losgelassen. Fans von enemy to lovers, forbidden love und forced proximity werden dieses Buch verschlingen.
Rezensionen von Kräuereule7:
Flut aus schwarzem Stahl von Anthony Ryan
Episches Fantasyjahreshighlight!
Flut aus schwarzem Stahl - Zeit des Zorns 1 ist ein epischer Fantasy mit viel Lesespaß und einer außergewöhnlichen Geschichte!
Optisch wirkt das Buch zunächst eher zurückhaltend: Das Cover von „Flut aus schwarzem Stahl“ sticht nicht besonders ins Auge und ist im Vergleich zu der "stählerner Bund-Reihe" sehr schlicht und einfach.
In der Buchhandlung wäre ich wahrscheinlich dran vorbeigelaufen, wenn ich nicht den Namen des Autors gelesen hätte.
Der Schreibstil hingegen ist sehr toll. Es ist eine Mischung aus einfachen, erzählenden und gut zu lesenden sowie langen und verschachtelten Sätzen. Auch die Kapitellängen waren für mich optimal und nicht zu lang.
Dadurch konnte man gut in die Geschichte einfinden. Besonders gelungen fand ich, dass die Erzählung aus mehreren Perspektiven und somit verschiedenen Hauptcharakteren erzählt wurde. Dadurch hat das gesamte Buch an Dynamik gewonnen. Das Land Ascarlia, in dem das Geschehen stattfindet, wird sehr malerisch beschrieben. Ich fand die Hofintrigen und drohende Invasion sehr spannend beim Lesen, v.a. durch die starken und authentischen Figuren, sowie die aufgeladenen Dialoge zwischen jenen.
Im Vergleich zu der "stählerner Bund-Reihe" finden sich hier mehr Magieaspekte wieder, was mir ebenfalls sehr gefallen hat.
Zusammengenommen war das Buch für mich ein richtig episches Fantasyhighlight.
Alle Anthony Ryan Fans können sich über diese neue Reihe freuen.
Das Buch erhält von mir auf jeden Fall 5 von 5 Sternen!
Rezensionen von L Z:
Trugbild der Schatten von Helmut Aigner
Meine Reise mit Etaila durch Aedon-Vohrn
Ein durchweg gelungener erster Band. Am Anfang wird man in die Welt Aedon-Vohrn reingeworfen, man wird Zeuge einer Hinrichtung.
Mit Zauberern, wird dort nicht zimperlich umgegangen, denn Magie ist verboten, unkontrollierbar für jeden und meist eine größe Gefahr für den Wirker selbst.
Wer zaubert wird gejagt und hingerichtet.
Etaila, die alles andere als eine herkömliche Zauberin ist droht ein ähnliches Schicksal, denn auch sie ist von dem Fluch betrofen,
der sie zaubern lässt. Gezwungen zu einer langen Reise zu den Elfen des Orseon schlißen sich Etaila weitere Aussenseiter als Begleiter an.
Das Buch ist eine Mischung aus High-Fantasy, ein wenig Thriller und ein wenig Grusel, alles leicht verträglich, nicht zu viel Grausamkeit oder Blutvergie0en. Es wird hier
nicht so wild wie in anderen Storys.
Romatasy-Elemente finden sich hier keine, dafür, Schlachten, Raubzüge und sogar Untote am Ende des Buchs.
Von mir gibts eine sehr gute Bewertung.
Rezensionen von Eternal-Hope:
Selbstwirksamkeit in Beruf und Alltag von Marianne Glaeser
Ein wertvolles Modell für Selbsterkenntnis, Coaching und therapeutische Arbeit:
In diesem Buch geht es um das von der Autorin entwickelte Modell des Hauses mit vielen Zimmern, das sie seit langem erfolgreich in ihrer Arbeit sowohl in verschiedenen interkulturellen Kontexten, als auch in Unternehmen, in der Paarberatung, im Einzelsetting und auch mit Kindern einsetzt.
Es ist ein leicht verständliches und gleichzeitig wirkungsvolles Modell: die Idee, dass unsere Persönlichkeit einem Haus mit vielen Zimmern entsprechen würde, die wir erkunden und gestalten können.
Es ist eine Arbeit, die die Selbstwirksamkeit stärkt, weil sie uns bewusst macht, Herr oder Herrin im eigenen Haus zu sein und selbst wählen zu können, wie wir die Zimmer einrichten und positionieren, welche wir jeweils betreten und verlassen und auch, von welchem Dachsymbol als Vertreter unserer wichtigsten Werte wir unser gesamtes Haus leiten lassen wollen. Mit dieser Metapher kann es gelingen, über bisher verbal schwer zugängliche psychische Zustände zu sprechen und lösungsorientiert erste Veränderungen einzuleiten.
In diesem Buch wird das Modell zuerst einmal vorgestellt und erklärt, auf welchen Grundsätzen und welchem Menschenbild es beruht. Danach folgen ausführliche Anwendungsbeispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen. Die Arbeit mit dem gut verständlichen Modell ist grundsätzlich auf der Basis dieses Buches gut ausprobier- und erlernbar. Wer weitere Unterstützung dabei möchte, für den bietet die Autorin entsprechende Seminare an.
Ich bin selbst im therapeutischen Kontext tätig und kenne ähnliche Modelle, doch dieses Modell in seiner Prägnanz und gleichzeitig Ausführlichkeit war mir neu. Dieses Buch hat mich sehr neugierig darauf gemacht, mich nun auch aktiv damit auseinanderzusetzen, mich selbst damit besser kennen zu lernen und es später auch mit Klienten anzuwenden. Ich kann das Buch allen, die sich für Persönlichkeitsentwicklung, Coaching oder Therapie interessieren und eine vielseitig anwendbare, innovative und flexible neue Methode in diesem Bereich kennen lernen möchten, sehr empfehlen.
Rezensionen von nessabo:
Es ist hell und draußen dreht sich die Welt von Dita Zipfel
Kraftvoll und politisch, für mich aber doch zu abstrakt und surreal
Ich bin wirklich ambivalent in meiner Bewertung dieses Romans. Er hat seine kraftvollen Momente, in denen zwischen den Zeilen ganz viel Sprengkraft steckt. Aber er war mir auch zu abstrakt und losgelöst von real Greifbarem. Meine Erwartungen einer sich entwickelnden Beziehungsgeschichte mit viel Einblick in das Innenleben der Figuren konnten aber auf jeden Fall so nicht erfüllt werden.
Den Auftakt fand ich richtig gut und dieser Eindruck hielt auch im ersten Drittel an. Die Perspektiven wechseln recht schnell und ohne eindeutige Kennzeichnung, das muss mensch natürlich mögen. Später teilen sich die beiden Frauen übrigens immer mal eine Perspektive - was bei den Männern nicht passiert und ein gutes Beispiel für die komplexe Bildsprache ist.
Dann zerfaserte die Erzählung aber zunehmend und ich konnte immer weniger einordnen, wo die Geschichte sich hinentwickelt. Ich mag figurengetriebene Literatur einfach deutlich lieber und gerade bei diesem sehr spannenden Thema habe ich das etwas vermisst. Die Gegenüberstellung einer scheinbar perfekten Zweifachmutter und der unfreiwillig kinderlosen Frau ist nicht neu. Aber ich mochte Dita Zipfels Sezierung unseres Blickes auf andere Frauen sehr gern. Sie wirft auf eine besondere Art eigene Narrative über den Haufen.
Auch toll war die Kontrastierung weiblicher und männlicher Solidarität. Wir realisieren über die Frauenfiguren, dass ihre beiden Partner eigentlich vor allem auf ihre Körper und seine vermeintliche Reproduktionsfähigkeit aus sind. Das war wirklich stark herausgestellt! Und während Eva und Linn einander stützen, ohne das gleichzeitig zu romantisieren, zeigt sich die männliche Gemeinschaft von Matze und Felix vor allem über deren Beziehungshierarchie. Matze verfällt dem reichen Felix, der scheinbar mühelos durchs Leben kommt, immer mehr - wider besseren Wissens. Sicherlich etwas überzeichnet, fand ich diese Männerdynamik doch stark geschrieben.
Wofür es von mir etliche Abzüge gibt, ist der Umgang mit Tieren in diesem Buch. Ob die detaillierte Bezeichnung toter Tierkörper, die regelmäßig verspeist werden oder diese Tierquälerei des Kanarienvogels, der das Cover voller falscher Versprechen schmückt - ich fand es völlig unangemessen. Ich konnte das auch nicht als Kritik an der Realitätsferne reicher Menschen lesen, denn Linn hätte als Figur ein konsistent kritischer Gegenpol sein können, verliert sich dann an der Stelle aber irgendwie. Für mich ist das einfach unreflektiert und wenig zeitgemäß.
Handlungstechnisch wurde es mir im letzten Drittel dann auch echt zu wild. Für meinen Geschmack ist die Autorin hier zu sehr in verschiedene Richtungen ausgebrochen, es wurde mir gleichzeitig zu ungenau und übertrieben wild. Damit es zu einem guten Buch für meinen Geschmack wird, hätte es emotional nähere und vielschichtigere Figuren gebraucht, mehr nachvollziehbare Beziehungsdynamik und weniger skurrile Nebenstränge. Der Epilog hinterlässt mich auch eher ratlos und unbefriedigt.
Vielleicht eher eine Empfehlung für Menschen mit Freude an surrealen Elementen und einer etwas wilden Handlungsdynamik. Für mich maximal ein okayes Erlebnis.
Rezensionen von Ruth:
Das schönste aller Leben von Betty Boras
Beeindruckendes Debut
Die junge Autorin Betty Boras ließ sich für ihren Debutroman von der eigenen Biographie inspirieren
Wie ihre Protagonistin Vio ist auch sie 1980, nach dem Sturz von Diktator Ceaucescu, als Sechsjährige mit ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Obwohl die Familie aus dem deutschsprachigen Banat stammt, nimmt sie in ihrer neuen Heimat, einem Ort nahe Stuttgart, eine Außenseiterrolle ein.
Zu sehr unterscheidet sich ihr Dialekt, ihre Kleidung und ihre Lebensweise von dem ihrer schwäbischen Nachbarn. Deshalb gilt es für Vio und ihre Eltern sich anzupassen, nie unangenehm aufzufallen. Mutter und Vater arbeiten hart, damit ihre Tochter es einmal besser haben wird. Wie alle Eltern wünschen sie sich für ihr Kind „ das schönste aller Leben“. Und auch Vio gibt alles dafür. Sie ist fleißig, besucht das Gymnasium, studiert sogar. Sie scheint angekommen zu sein. Das Glück ist vollkommen, als sich bald nach ihrer Heirat das erste Kind einstellt. Doch dann der Unfall, von dem ihre kleine Tochter bleibende Narben davonträgt. Und Vio gibt sich die Schuld daran. Das stürzt die junge Mutter in eine tiefe Krise, an der sie beinahe zerbricht.
Die Geschichte von Vio erzählt Betty Boras in zwei Erzählsträngen, die sich langsam annähern. Der eine handelt von Vios Aufwachsen in Deutschland, der andere beschreibt die Situation der jungen Mutter. Hier verwendet die Autorin die Ich-Perspektive, was den Lesenden noch stärker an der Verzweiflung von Vio teilnehmen lässt.
Es gibt aber noch einen weiteren Erzählstrang, der zurück in die Vergangenheit führt. Im Wiener Umfeld lebt im 18. Jahrhundert Theresia. Der wird ihre Schönheit zum Verhängnis. Von den jungen Männern im Dorf begehrt, von den Frauen als uneheliches Kind gebrandmarkt, gerät sie ins Visier der Keuschheitskommission, eine Art Sittenpolizei unter Maria Theresia. Sie wird verurteilt und ins Banat deportiert, wo sie in einem Arbeitslager schuften muss.
Betty Boras verbindet gekonnt die verschiedenen Erzählstränge, verknüpft ihre Themen wie Herkunft, Zugehörigkeit, Mutterschaft und Schönheitsideale über die Generationen hinweg. Dabei findet sie für jeden Erzählstrang eine eigene Stimme, einen eigenen Ton. Feinfühlig beschreibt sie die inneren Konflikte ihrer Figuren, lässt sie an den Umständen wachsen und reifen.
Was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen und in einer fremden Umgebung Fuß zu fassen, kennen wir aus unzähligen Migrationsgeschichten. Doch auch diese hier verdient es, erzählt zu werden. Für die Banater Schwaben gilt zusätzlich, dass sie in beiden Ländern eine Außenseiterrolle spielten. Waren sie in Rumänien die Deutschen, so waren sie in Deutschland „ nicht deutsch genug.“
Warum Vio der Schönheit ihrer Tochter einen so hohen Stellenwert zumisst, lässt sich leicht aus ihrer Biographie erklären.
Immer war das wichtigste Kriterium in ihrer Familie, was andere über sie dachten. Und gerade weil Vio selbst so um Anerkennung kämpfen musste, soll ihr Kind es leichter haben. Schönheit und Makellosigkeit öffnen viele Türen, das weiß Vio. Auch wenn es immer heißt, dass die inneren Werte zählen, so urteilt die Gesellschaft sehr oft doch nach äußeren. Sich von diesem Schönheitsideal frei zu machen, das fällt Vio schwer. Nur langsam und mit Hilfe von außen kann sie darauf vertrauen, dass ihr Kind, trotz Narben im Gesicht, ein gutes Leben haben kann.
Die Banater Erde kommt in einigen Kapiteln ebenfalls zu Wort. „Dreihundert Jahre ist es her, dass ich eure Mutter wurde. Ihr kamt aus vielen Teilen Deutschlands zu mir, aber ihr wurdet alle Schwaben genannt.“ So erfährt der Lesende einiges über die Geschichte dieser Gegend, die einst zur Habsburger Monarchie gehörte, bevor sie nach dem Ersten Weltkrieg auseinandergerissen und zum Großteil Rumänien, aber auch Jugoslawien und Ungarn zugeteilt wurde. Die Bewohner dort hatten es nie leicht. „Die Ersten von euch starben zuhauf, in meinem schleimigen Inneren wuchsen Krankheiten zu Seuchen heran. Die nächste Generation plagte sich mit harter Arbeit, entwässerte und beackerte mich, während ihre Kinder endlich das Ergebnis der Mühen ihrer Ahnen ernten konnten.“
Betty Boras ist mit „Das Schönste aller Leben“ ein beeindruckendes Debut gelungen, das mich von der ersten Seite an gefesselt hat.
Das Buch ist von seiner vielschichtigen Thematik her auch eine ideale Lektüre für Lesekreise.











